Bedrohte Politiker

Seitdem Helge Lindh vor vier Jahren für den Wahlkreis Wuppertal I in den Bundestag gewählt wurde, muss er Morddrohungen, Hass und Hetze ertragen. Ein Erfahrungsbericht. 

„Ich habe als Bundestagsabgeordneter bereits mehr als 20 Morddrohungen erhalten. In besonderer Erinnerung blieb mir diejenige vom Januar 2019. Ich hatte die „Sea Watch 3“ im Mittelmeer besucht und parallel waren gehackte Daten aus meiner ehrenamtlichen Arbeit im Netz gepostet worden. Danach bekam ich nachts per Mail die Drohung, dass auf mich nun ein Kopfgeld ausgesetzt sei. Es wurde also gleichsam ein Wettbewerb lanciert, um mich zu ermorden.

Schlimm war auch der Schub von Hass und Drohungen im Herbst letzten Jahres. Manche der Posts, Mails und Briefe riefen auch zu meiner Verstümmelung auf. In einem anderen Fall wurde das Modell der für meine Ermordung vorgesehene Tatwaffe konkret benannt. Manche riefen dazu auf, mir die Kehle durchzuschneiden und meinen Körper auszuweiden. So etwas vergisst man nie wieder.

Bevor ich in den Bundestag kam, war ich in Wuppertal Integrationsratsvorsitzender. Da wurde ich auch aggressiv angegangen, aber in eher homöopathischen Dosen. Doch schon nach meiner ersten Rede im Bundestag, die sich mit dem Thema Familiennachzug bei subsidiär Schutzberechtigten beschäftigte, ging es zur Sache.

Die Angst schleicht sich an

Ich habe einen persönlichen Fall aus Wuppertal geschildert, dargestellt, was solch eine Situation menschlich bedeutet. Das allein löste eine Welle von Hasskommentaren aus. Weitere folgten: bei jeder Bundestagsrede, bei jeder Veröffentlichung. Anfangs traf mich der Hass vor allem im Zusammenhang mit der sogenannten Flüchtlingskrise. Dann ging es oft um meine Haltung zum Islam und meine Einschätzungen zur Corona-Pandemie.

Ich bin eine relativ robuste Natur. Wenn man sich mit den Themen Migration, Religion, Islam und Integration und auch Rassismus und der Aufarbeitung des Nationalsozialismus auseinandersetzt, braucht man eine gewisse Grundabhärtung.

Aber Angst ist natürlich schon ein Thema. Nicht, dass ich völlig paralysiert bin nach einer Morddrohung oder in Tränen ausbreche. Es ist eher etwas, das sich anschleicht. Was einen immer wieder einholt. Ich schlafe deutlich schlechter als früher. Die Angst kann ganz unvorhergesehen wieder auftauchen, auch in meinen Träumen. Und jede neue Drohung verstärkt die Angst, so dass man das irgendwann kaum mehr wegdrängen kann.

Es ist nicht so, dass ich immer um mich blicke. Ich habe eher die Befürchtung, dass an bestimmten Orten wie meinem Büro plötzlich jemand vor der Tür steht, mit einem Messer in der Hand. Es könnte mich natürlich auch vor der Wohnung erwischen oder beim Spaziergang. Aber ich vertraue auch auf den Staatsschutz und die Polizei vor Ort, die mich regelmäßig beobachtet und auch kontrolliert.

Der Hass kann das Verhalten beeinflussen

Einmal, Anfang 2018, habe ich mich dabei ertappt, dass ich mich bei einer Rede im Plenum nicht so deutlich und heftig und polemisch gegenüber der AfD geäußert hatte, wie ich es eigentlich hätte tun wollen. In dem Moment spürte ich, dass es die Möglichkeit gibt, dass ich mich einschüchtern lasse und die Drohungen und der Hass mein Verhalten beeinflussen. Und von da an habe ich, so weit es geht, immer versucht, das zu verhindern.

Ich mache immer öffentlich, was passiert. Die Täter:innen müssen wissen, dass man darüber spricht und dass sie auch unter Beobachtung stehen. Ich habe mich entschieden: Meine Strategie ist der Gegenangriff - mit Konsequenz, Klartext, Deutlichkeit und Argumenten.“