Interview am Rande eines Workshops des Projekts "Kreativpakt"

Der Sprecher der AG Kultur und Medien Siegmund Ehrmann und der netzpolitische Sprecher Lars Klingbeil betreuen in der SPD-Fraktion das Projekt „Kreativpakt“. Am Rande eines Workshops mit Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier sprachen sie mit Tim Renner und Jochen Sandig im Rahmen eines Interviews über die Ziele des Projekts.

Ihr betreut innerhalb des Projekts Zukunft den „Kreativpakt“. Was genau hat es mit dem Kreativpakt auf sich und wie ist er entstanden?

Siegmund Ehrmann: Initialzündung war der Aufruf „Wir brauchen einen Kreativpakt“. Dieser Impuls im Jahr 2009 von Tim Renner, Filmemacher Pepe Danquart, DJ und Musikproduzent Paul van Dyk sowie vielen weiteren kreativen Köpfen wurde von Frank-Walter Steinmeier aufgegriffen. Seitdem arbeiten Kreative und Politiker gemeinsam an Konzepten zur Weiterentwicklung und Förderungen der Kultur- und Kreativwirtschaft. Der Kreativpakt gibt dem „Projekt Zukunft – Deutschland 2020“ der SPD-Bundestagsfraktion entscheidende Impulse.

Was genau sind die Ziele des Kreativpaktes?

Tim Renner: Zu Beginn ging es darum, ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass die Kreativwirtschaft eine immer größer und wichtiger werdende Branche ist, die besondere Aufmerksamkeit verdient. Dieses Bewusstsein ist inzwischen deutlich gewachsen. Nun geht es vor allem um zwei Ziele: erstens konkrete Verbesserung für die Kreativwirtschaft in den Bereichen Urheberrecht, soziale Sicherung, Kulturförderung, Wirtschaftsförderung,  Netzpolitik und im Bildungsbereich zu erzielen. Und darum, aus dem Zukunftslabor Kreativwirtschaft etwas über die Ökonomie und Arbeitswelt von morgen zu lernen. Denn viele Entschritt wicklungen, die uns alle in Zukunft Betreffen, sind in der Kreativwirtschaft bereits heute Realität.

Siegmund Ehrmann: Kreativität ist der Rohstoff des 21. Jahrhunderts. Kreative und künstlerische Arbeit ist grundlegend für ökonomischen Forttschritt und gesellschaftliche Innovation. Der Innovationsbegriff muss geöffnet werden. Die Kreativwirtschaft ist eine eigene Wirtschaftsform und Zukunftsbranche. Sie ist mit ihrem hohen wirtschaftlichen Potenzial mindestens so zu fördern wie die klassischen Industrien. Bildung und Weiterbildung muss den neuen, durch die Kreativwirtschaft aufgezeigten Anforderungen des Arbeitsmarktes vom frühestmöglichen Alter an gerecht werden. Der Umgang mit neuen Medien ist genauso wichtig wie Lesen und Schreiben. Bildung muss Kreativität heben und zur selbstständigen Arbeit befähigen und anregen.

Jochen Sandig: Förderung von Kunst und Kultur muss an die Bedürfnisse der Kultur- und Kreativschaffenden angepasst werden. Statt „einmal gefördert, immer gefördert“ brauchen wir ein System, das Experimente zulässt, die Avantgarde befördert und Anreize für Neues schafft.

Lars Klingbeil: Netzpolitik spielt bei den Zielen des Kreativpakts eine zentrale Rolle. Internet ist ein Grundrecht unserer digitalen Gesellschaft. Der Zugang zu einem schnellen Internet muss für Alle und überall möglich sein. Dies bedeutet z.B. ein öffentliches W-LAN in öffentlichen Räumen. Die Netzneutralität muss gesetzlich verankert werden. Informationen müssen für alle zugänglich sein.

Welche Bedeutung hat die Kreativbranche insgesamt für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland?

Lars Klingbeil: Die Bedeutung von Kreativ- und Kulturwirtschaft wird insgesamt in Deutschland immer noch unterschätzt. Verlagsbranche, Musikwirtschaft, Film, Fernsehen und Bühne, freischaffende Künstler, Architektur und Design, Kulturtourismus sowie die Branchen Software, Computerspiele und Werbewirtschaft beschäftigen rund eine Million Menschen und erzielen einen Umsatz von über 132 Milliarden Euro. Ihr Anteil am  Bruttoinlandsprodukt beträgt 2,6 Prozent und liegt damit bereits deutlich vor der Chemiebranche.

Tim Renner: Dabei ist nicht allein der Umsatz entscheidend. In der Kreativwirtschaftzeigen sich wie in einem Brennglas Probleme und Möglichkeiten der dynamischen Arbeitswelt und digitalisierten Ökonomie der Zukunft.

Aber trotz immer größerem Umsatz ist die Arbeitswelt in der Branche gekennzeichnet durch niedrige Durchschnittseinkommen und eine schlechte soziale Absicherung. Wie geht das zusammen?

Jochen Sandig: Der Wille zur Selbstausbeutung in der Kreativwirtschaft ist groß. Hier finden sich immer seltener klassische Berufsbilder und mehr hybride Arbeitsmodelle. Hier trifft eine dynamische Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts auf einen Sozialstaat, der aus der  ndustriegesellschaft des 19. Jahrhunderts stammt.

Siegmund Ehrmann: Wenn ich mit Menschen aus der Kreativwirtschaft spreche und sie frage, was die größte Herausforderung sei, kommt häufig als Antwort: die soziale Sicherung. Umbrüche und Veränderungen der Arbeitswelt treffen Menschen in der Kreativwirtschaft viel stärker als die Gesamtbevölkerung.

Wie kann ein Kreativpakt dieser Entwicklung entgegenwirken? An welchen Stellschrauben kann die Politik drehen?

Jochen Sandig: Soziale Sicherung muss der neuen, kreativen und digitalen Arbeitswelt angepasst werden. Wir müssen berücksichtigen, dass sich die Kreativwirtschaft kleinteilig bzw. überwiegend in Form von Soloselbständigkeit organisiert. Deshalb muss die  Künstlersozialversicherung modernisiert und erweitert sowie die allgemeinen Sozialversicherungssysteme angepasst werden.

Wie läuft das Projekt in der Praxis? Auf welche Weise führt Ihr den Dialog mit den verschiedenen Akteuren?

Siegmund Ehrmann: Der Kreativpakt ist ein zentraler Baustein des „Projekts Zukunft – Deutschland 2020“. Das ist ein Projekt der Fraktion, wo wir über den Zeithorizont von Sitzungswochen Konzepte entwickeln, wie Deutschland sich im nächsten Jahrzehnt nachhaltig entwickeln kann. Der Stellenwert des Kreativpakts in diesem Projekt ist hoch. Das liegt zum einen an Frank-Walter-Steinmeier, der sich sehr für dieses Thema engagiert und daran das viele meiner Kolleginnen und Kollegen der SPD-Fraktion sich mit viel Engagement und Sachverstand einbringen.

Jochen Sandig: Wir arbeiten in sechs Projektgruppen. Dort treffen sich monatlich Bundestagsabgeordnete mit Künstlern und Kreativen des Kreativpakt e.V. zu den Themen Kulturförderung, Wirtschaftsförderung, Soziale Sicherung, Netzpolitik, Urheberrecht und Bildung. Wissenschaftler, die zu diesen Themen forschen, haben uns mit ihrer Expertise unterstützt. Wir haben nun ein Jahr in diesen Projektgruppen und Workshops intensiv gearbeitet und schreiben basierend auf dieser Arbeit gemeinsam unser Konzept, dass wir Mitte September öffentlich vorstellen werden.

Vor allem das Urheberrecht ist durch die digitalen Medien zu einem schwierigen politischen Thema geworden. Was macht das Urheberrecht heute so kompliziert?

Tim Renner: Im Urheberrecht geht es um einen fairen und gerechten Ausgleich der Interessen von Urhebern, Verwertern und Nutzern. In diesem Dreieck gibt es eine Schieflage. Denn die Verwerter – und zu denen zähle ich selber auch – sind in der Regel kapitalstark und können ihre Interessen artikulieren. Die Konsumenten sind so viele, dass auch sie eine hohe Aufmerksamkeit genießen. Die kreativen Urheber sind eindeutig in der schwächsten Position. Wir wollen aber, dass Urheber von ihrer Arbeit leben können. Ein verbessertes Urhebervertragsrecht ist dabei ein wichtiger Hebel. Für neue Geschäftsmodelle ist es entscheidend, dass die Verwerter nicht einen Wall gegen alles Neue aufbauen. Legale Angebote dürfen nicht verzögert werden.

Die SPD-Fraktion hat gerade 12 Thesen zum Urheberrecht vorgestellt. Wo steht die SPD-Fraktion im Urheberrechtsstreit und was genau sollen die Thesen bewirken?

Lars Klingbeil: Reale Nutzung des Netzes muss zur legalen Nutzung werden und dabei eine faire Vergütung gewährleisten. Wir brauchen ein modernes Urheberrecht, das Kreative und Urheber stärkt und das Recht mit neuen digitalen Nutzungspraktiken in Einklang bringt und vergüten hilft. Die damit verbundenen Chancen für kulturelle Teilhabe und Vermittlung, Demokratie, aber auch Vermarktung und Verbreitung kultureller Angebote müssen gefördert werden.

Das Projekt Zukunft soll am 14. September auf dem Zukunftskongress der SPD-Bundestagsfraktion in Berlin präsentiert werden. Wie geht es anschließend mit dem Kreativpakt weiter?

Siegmund Ehrmann: Der Kreativpakt liefert einen wichtigen Baustein zum Zukunftsprogramm Deutschland 2020 der SPD-Bundestagsfraktion. Danach Danach wird sich unsere Arbeit von der Konzeption stärker auf den Dialog und die Kommunikation verlagern. Wir wollen auf wichtigen Veranstaltungen der Kultur- und Kreativwirtschaft von der Music Week über die gamescom bis zur Frankfurter Buchmesse präsent sein und mit eigenen Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet über unsere Ziele ins Gespräch kommen.

Tim Renner: Es gibt viel zu tun. Erfolgsmaßstab ist letztlich, was an konkreten Verbesserungen für die Entwicklung in der Kreativwirtschaft umgesetzt wird. Auch da gilt, was Fußballerlegende Adi Preißler sagte: „Grau is alle Theorie – entscheidend is auf'm Platz“.

 

Zu den Personen:
Tim Renner ist Inhaber eines Musiklabels und Musikverlages sowie Musikproduzent (www.motor.de). Als Journalist und Autor hat er u.a. das Buch „Digital ist besser“ geschrieben. Tim Renner ist Professor an der Popakademie Baden-Württemberg und Co-Produzenten der monatlichen Fernsehsendung „Berlin Live“ bei zdf. kultur und moderiert bei Bremen Vier die Sendung „Radio Renner“.

Jochen Sandig ist Gründer von vier bekanten Kulturinstitutionen in Berlin: dem „Kunsthaus Tacheles“, dem internationalen Tanzensemble „Sasha Waltz & Guests“ (www.sashawaltz.de), den Sophiensaelen für freies Theater und Tanz (www.sophiensaele.com) und dem Kulturunternehmen „Radialsystem V“ (www.radialsystem.de). Mit weiteren Kreativen und Künstlern engagieren sich die beiden für den Kreativpakt gemeinsam mit Abgeordneten der SPD-Bundestagsfraktion