Tagungsbericht zur Veranstaltung "Wir alle sind Deutschland"

Zu einer gut besuchten Tagung hatte die SPD-Bundestagsfraktion am 17. April 2015 unter dem Titel „Wir alle sind Deutschland. Wie kann ein gutes Miteinander von Menschen verschiedener Religionen und Kulturen gelingen?“ in den Bundestag eingeladen.

„Toleranz und Vielfalt kann dann besser gelebt werden, wenn man einen eigenen Standpunkt hat“, sagte Kerstin Griese zur Eröffnung der Tagung „Wir alle sind Deutschland“. Sie hatte als Kirchen- und Religionsbeauftragte der SPD-Bundestagsfraktion gemeinsam mit den Arbeitskreisen der christlichen, jüdischen und muslimischen Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten zu der Veranstaltung ins Reichstagsgebäude eingeladen. „Das Verständnis für andere Religionen setzt auch Kenntnis der eigenen voraus“, betonte Griese.

Staatsministerin Aydan Özoğuz (SPD) beschrieb, welchen Herausforderungen die Einwanderungsgesellschaft gegenüber steht. „Gehören Einwanderer, Gastarbeiter und Flüchtlinge wirklich zur deutschen Geschichte?“, fragte die Migrationsbeauftragte der Bundesregierung. „Mir fällt auf, dass das oft nicht erwähnt wird. Das heißt: Die Vielfalt in unserem Land dokumentieren wir nicht.“ Das echte Leben werde erst dann die ihr zustehende Bedeutung bekommen, wenn es in die Geschichte aufgenommen wird. Dann wären Religionen und Weltanschauungen, die hier friedlich zusammenleben, ausreichend gewürdigt, so Özoğuz. Deutschland brauche keine Integrationspolitik für 16 Millionen mit einer Einwanderungsgeschichte, sondern „eine integrative Politik für 81 Millionen Menschen“.

„Wenn ich keine Meinung habe, dann bin ich nicht intolerant, sondern indifferent“, betonte Rainer Forst, Professor für politische Theorie und Philosophie. Toleriert würden nur Dinge, die jemanden stören. „Was lehne ich ab, was ist zu tolerieren, was weise ich zurück?“, fragt er. Manche Einstellungen und Äußerungen seien so problematisch, dass man sie nicht tolerieren kann, beschrieb Forst die Grenzen der Toleranz. Es gehe um Regeln des Respekts und der Fairness sowie eine moralische Urteilskraft, die eigene Religion, da wo sie zum Verbrechen wird, zu hinterfragen.

Welcher Islam gehört zu Deutschland?

Wolfgang Thierse, der gemeinsam mit Kerstin Griese den Arbeitskreis der Christinnen und Christen in der SPD leitet, zitierte den viel diskutierten Satz „Der Islam gehört zu Deutschland“. Wer diesen Satz bildet, hat „das Recht und die Pflicht zu fragen: Welcher Islam?“, so Thierse. Der Koran verdecke Dinge, die entschleiert werden müssen, meinte Harry Harun Behr, Pädagogikprofessor mit dem Schwerpunkt Islam. Orientierungsfragen müssten mutiger und auch kontrastierend zu sicher Geglaubtem beantwortet werden.

„Es müssen die Fundamentalismen zunächst mal in der eigenen Religion und Theologie eingehegt werden“, sagte der Kirchenhistoriker Christoph Markschies. Zunächst müsse die Pluralismusfähigkeit der eigenen Religion entdeckt werden. Der Religionsunterricht sei zentral, um einen eigenen Standort entwickeln zu können, unterstrich Kerstin Griese, die sich für einen Islamunterricht an allen Schulen aussprach. Nur persönliche Begegnung könne die Unterschiede aber auch die Grenzen zwischen den Religionen überwinden, zeigte sich Mark Dainow, Vizepräsident des Zentralrats der Juden, überzeugt.

Glaube und Deutschland stehen nicht im Widerspruch

„Die Generation, die die Zukunft bedeutet, ist hier heute noch nicht zu Wort gekommen“, stellte Tuba Isik vom Arbeitskreis muslimischer SozialdemokratInnen in der SPD zu Beginn der letzten Diskussionsrunde der mit fast 200 Gästen sehr gut besuchten Tagung fest. Alaa Abdulkadir (Muslimische Jugend in Deutschland) sagte, dass es um eine deutsch-muslimische Identität gehe. „Dazu gehören Angebote, die vermitteln, dass Glaube und Deutschland nicht im Widerspruch stehen.“ Die Jugendverbandsarbeit leiste dafür einen wichtigen Beitrag, so Clara Leiva Burger (Katholische Junge Gemeinde). Sie forderte mehr Geld, mehr Plätze und mehr Möglichkeiten für die Jugendarbeit.

„Wie kann man an christlichen Feiertagen, die ja wertegebundene Tage sind, mit Hass und Intoleranz auf die Straße gehen?“, zweifelte Susann Rüthrich die Motive derer an, die an Advent oder Ostermontag mit Pegida demonstriert haben. „Es krankt daran, dass der normale Kontakt und die Begegnung nicht stattfinden“, berichtet sie aus Sachsen. Wo es Kontakte gibt, wachse das Verständnis. „Man kann auch bei uns in die Moschee oder die Synagoge gehen, um zu gucken, was uns gemeinsam ist.“ Jetzt sei klarer als zuvor, warum dies nötig sei, sagte die Rechtsextremismusexpertin der SPD-Fraktion.

„Wir haben viel über den Islam und mit Muslimen gesprochen“, zeigte sich Atila Ülger (Arbeitskreis muslimischer SozialdemokratInnen) in seinem Schlusswort sehr zufrieden. „Religiosität müssen wir als einen Motor der Gesellschaft verstehen“, so Ülger. Alexander Hasgall (Arbeitskreis Jüdischer SozialdemokratInnen) betonte die „Möglichkeit eines politischen Zugangs“ von Toleranz. „Deutschland ist bunt“, nimmt Diana Stachowitz (Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD) von der Tagung mit. Politische Motivationen aus religiöser Überzeugung sind auch in der SPD zu Hause. Toleranz, Gerechtigkeit und Beteiligung seien sozialdemokratische Kernthemen, fasste Stachowitz zusammen.