Rede von MdB Ursula Schulte zur Partizipation und Selbstbestimmung älterer Menschen

Es braucht eine aktive Auseinandersetzung mit dem Altern. Alte wie junge Menschen brauchen die Unterstützung der Gesellschaft. Politik muss Rahmen setzen, damit ältere Menschen selbstbestimmt leben können.                                

 

Sehr geehrte Frau Präsidentin! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Meine sehr verehrten Damen und Herren auf der Tribüne! Meine diesjährige Sommertour führte mich in zahlreiche Pflegeeinrichtungen. Bei diesen Besuchen stand immer auch ein Gespräch mit dem Bewohnerbeirat auf der Tagesordnung. Mich hat dabei vor allem interes­siert, wie Menschen den Weg in die Einrichtung gefun­den haben. In den seltensten Fällen war das eine selbstbe­stimmte Entscheidung, aber da, wo sie ganz eigenständig getroffen wurde, hat dies ganz wesentlich zum Selbstbe­wusstsein der älteren Menschen beigetragen.

Das zeigt mir, dass wir uns früher und offener mit dem Altern auseinandersetzen müssen; denn Menschen sind ja nicht erst dann alt, wenn sie in die Pflegeeinrichtung einziehen. Wenn wir uns mit dem Älterwerden beschäftigen, sollten wir uns folgende Fragen stellen: Wie stellen wir uns ein Leben im Alter eigentlich vor? Welche Al­tersbilder hat die Gesellschaft vor Augen?

Liebe Kolleginnen und Kollegen, in der Arbeitswelt wurden ältere Menschen lange Zeit als weniger leistungs­fähig eingestuft. Manche Unternehmen betrachteten sie gar als Belastung. Dieses Bild wandelt sich allmählich. Das Wissen und die Erfahrung älterer Menschen sind zu einem wertvollen Rohstoff geworden, der von den Unter­nehmen immer mehr wertgeschätzt wird. Wie wertvoll die Arbeit älterer Menschen ist, hat sich zuletzt noch einmal deutlich in der Arbeit für Flüchtlinge gezeigt, sei es beim Sprachunterricht, beim Gang zum Arzt oder zu den Behörden oder einfach bei der Essensausgabe, um nur einige Beispiele zu nennen. Viele haben durch diese ehrenamtliche Arbeit einen neuen Sinn für ihr Leben ge­funden: Sie fühlen sich bestätigt und sind stolz auf ihre Leistung. Das Gefühl, gebraucht zu werden und Teil die­ser Gesellschaft zu sein, das macht Leben im Alter aus, liebe Kolleginnen und Kollegen.

(Beifall bei der SPD)

Ehrenamtliches Engagement ist ohne ältere Menschen kaum vorstellbar, und ohne dieses Engagement ist un­sere Gesellschaft nicht vorstellbar. Da befinde ich mich durchaus im Widerspruch zu Ihnen, Herr Wunderlich.

(Jörn Wunderlich [DIE LINKE]: Wieso Widerspruch?)

Älter werden und fit bleiben, das wünschen wir uns alle. Aber auch wenn man sich ungern damit auseinandersetzt und am liebsten nicht darüber spricht, nimmt die Wahrscheinlichkeit, dass man krank, unterstützungs- oder pfle­gebedürftig wird, im Alter leider zu. Barrierefreies Woh­nen ist deshalb ein zentrales Thema. Der ältere Mensch möchte natürlich – das ist ganz selbstverständlich – in der vertrauten Umgebung bleiben. Das KfW-Programm „Altersgerecht Umbauen“ hilft dabei und erfreut sich großer Nachfrage. Das zuständige Bundesministerium hat für das kommende Jahr eine Mittelerhöhung vorge­sehen. Darüber freue ich mich.

(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Heinz Wiese [Ehingen] [CDU/CSU])

Denn ohne selber entscheiden zu können, wo man wohnt, ist selbstbestimmtes Leben kaum möglich.

In der Kindheit und im Alter wird soziale Ungleich­heit am deutlichsten sichtbar. Kinder und alte Menschen können an diesem Zustand nichts ändern. Die einen sind zu jung, die anderen sind zu alt. In diesen beiden Lebensphasen benötigen die Menschen Hilfe, Unterstüt­zung und die Solidarität der Gesellschaft.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Gerade bei pflegebedürftigen Menschen zeigt sich die soziale Ungleichheit deutlich: Derjenige, der die finan­ziellen Möglichkeiten hat, kann bis zum Schluss zu Hau­se bleiben. Die anderen – das ist die Mehrheit – haben nicht die Wahl und ziehen in eine stationäre Einrichtung. Bei meinen Besuchen habe ich Menschen getroffen, die sich dort durchaus zu Hause und gut betreut fühlen. Auch das muss einmal gesagt werden; das gehört zur Wahrheit dazu.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD)

Am Ende unserer Gespräche haben mir aber einige Bewohner ganz verschämt gesagt: Frau Schulte, mit den 100 Euro Taschengeld komme ich nicht hin. Manchmal habe ich kein Geld mehr für den Friseur, die Fußpflege oder für die Körperlotion. Meine Kinder mag ich nicht um Geld bitten. – Diese Worte haben mich beschämt. Ich habe versprochen, dass ich sie in diesem Hause wieder­hole. Damit löse ich heute mein Versprechen ein.

(Beifall bei der SPD)

Von einem selbstbestimmten Leben kann bei einem Ta­schengeld von 100 Euro keine Rede mehr sein. Wir alle hier im Haus könnten das gemeinsam ändern. Bitte den­ken Sie noch einmal darüber nach! Das wäre ein schönes Geschenk zum nächsten Tag der älteren Menschen.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des Abg. Jörn Wunderlich [DIE LINKE])

In Ihrem Antrag, liebe Kolleginnen und Kollegen von den Grünen, sprechen Sie davon, dass Frauen häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer. Das entspricht der Wahrheit. Eine auskömmliche Rente – das wissen wir – gehört unabdingbar zu einem selbstbestimmten Le­ben. In meinem Wahlkreis beziehen Frauen eine durch­schnittliche Rente von 400 Euro. Verdient hätten sie viel mehr; denn sie haben oft mehrere Kinder großgezogen und Eltern und Schwiegereltern gepflegt. Für diese Frau­en war die Mütterrente ein Schritt zu etwas mehr Gerech­tigkeit, Selbstbestimmung und Eigenständigkeit.

(Beifall bei Abgeordneten der SPD und der CDU/CSU)

Ich bin auch froh, dass es die Grundsicherung im Alter gibt, und erkläre den Frauen immer wieder, dass sie einen Anspruch darauf haben und keine Bittsteller sind.

Die Zeit des Älterwerdens, des Altseins kann für viele wirklich schön und bereichernd sein. Man unterliegt kei­nen Zwängen. Man muss nicht mehr für Kinder sorgen. Man kann eigentlich tun und lassen, was man will. Man ist frei. Allerdings müssen wir den Blick der Gesellschaft auf die älteren Menschen ändern. Ältere Männer werden immer noch wesentlich positiver betrachtet als ältere Frauen. Wenn wir von Geschlechtergerechtigkeit spre­chen, dürfen wir daher nicht immer nur an die Belange jüngerer Frauen denken.

„Altwerden ist nichts für Feiglinge“, hat Joachim Fuchsberger gesagt – ein wahres Wort. Auch das habe ich bei meinen Besuchen gelernt. Altsein ist immer auch eine Zeit des Abschiednehmens, manchmal sogar Ab­schied von der Selbstbestimmung. Aber auch das kann man schaffen, selbstbestimmt und in Würde. Es ist un­sere Aufgabe, die entsprechenden Rahmenbedingungen dafür zu schaffen. 

Wir werden heute den Antrag der Grünen ablehnen, obwohl ich mir sicher bin, dass sich einige Ihrer Anre­gungen irgendwo wiederfinden werden.

(Beifall der Abg. Steffi Lemke [BÜNDNIS 90/ DIE GRÜNEN] – Katja Dörner [BÜND­NIS 90/DIE GRÜNEN]: Es wird gar nicht abgestimmt!)

Sie sollten vielleicht einen Blick in die Kommunen und Kreise werfen. Vieles von dem, was Sie fordern, ist dort schon passiert.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)