Dagmar Freitag im Gespräch mit der Passauer Neuen Presse

Im Interview mit der PNP kritisiert die Vorsitzende des Sportausschusses, dass nur Bruchteile des Berichts über Doping veröffentlicht wurden. Sie fordert die Namen zu nennen. 

Wirbel um die neue Studie über systematisches Doping im westdeutschen Sport: In der nun veröffentlichten Fassung der Untersuchung tauchen nur wenige Namen von Trainern und Athleten auf. Müssten nicht Ross und Reiter genannt werden?

Dagmar Freitag: Das war meine Erwartung, nachdem es hieß, dass alle datenschutzrechtlichen Bedenken ausgeräumt wären. Der jetzt veröffentlichte Bericht ist jedoch nur ein Bruchteil des Abschlussberichts. Die wirklich interessanten Informationen werden Öffentlichkeit und Parlament weiterhin vorenthalten. Auch die Passagen zur Rolle des Bundesinnenministeriums in dem fraglichen Zeitraum fehlen im veröffentlichten Bericht. Ich verstehe unter Transparenz jedenfalls etwas vollkommen anderes.

Aus Ihrer Sicht spricht alles für  die Veröffentlichung der Namen?

Freitag: In einem Rechtsstaat muss Gleichbehandlung gewährleistet sein. Es sind in der Vergangenheit auch die Namen gedopter DDR-Sportler, die sich in Stasi-Akten fanden, öffentlich genannt worden. Ich sehe keinen Grund, warum bei betroffenen West-Athleten anders verfahren werden sollte. Mit dieser wissenschaftlichen Studie sollte doch Klarheit geschaffen werden. Doch mit ihrer Hinhaltetaktik haben Bundesinnenministerium und Deutscher Olympischer Sportbund eine geradezu fatale Situation herbeigeführt: Jetzt schwebt ein Generalverdacht über allen Sportlerinnen und Sportlern aus Westdeutschland, die in der fraglichen Zeit aktiv waren. Wir haben Fakten erwartet, stattdessen sind Spekulationen Tür und Tor geöffnet.

Eine Kommission unter Vorsitz des früheren Verfassungsrichters Udo Steiner soll die Untersuchungsergebnisse jetzt unter die Lupe nehmen und bewerten. Ein Schritt in die richtige Richtung?

Freitag: Wenn die Kommission nur auf der Basis des jetzt veröffentlichten Berichts arbeiten kann, macht sie wenig Sinn, auch wenn sie mit unbestritten fähigen Leuten wie Steiner besetzt ist. Es kommt maßgeblich darauf an, welchen Einblick sie tatsächlich bekommt.

Rechnen Sie mit strafrechtlichen Konsequenzen für Athleten und Trainer, bei denen sich jetzt der Doping-Verdacht bestätigt?

Freitag: Die meisten Fälle werden inzwischen verjährt sein. Für mich ist entscheidend, wie offen, transparent und ehrlich mit Doping-Fällen im westdeutschen Sport umgegangen wird. Es müssen Lehren aus dieser Vergangenheit gezogen werden. Voraussetzung dafür ist eine umfassende Aufklärung ohne Ansehen der Person. Ich will von Bundesinnenminister Friedrich genau wissen, wie ernst er es mit der Aufarbeitung meint. Deshalb habe ich ihn und weitere Sachverständige für Ende August oder Anfang September in den Sportausschuss eingeladen. Es kann jedenfalls nicht sein, dass uns weiter notwendige Informationen vorenthalten werden.

Wäre es jetzt nicht Zeit für ein Anti-Doping-Gesetz?

Freitag: Die SPD-Bundestagsfraktion hat vor der Sommerpause dazu im Bundestag einen konkreten Gesetzentwurf vorgelegt, der von Schwarz-Gelb abgelehnt worden ist. Darin waren für Doping Haftstrafen in besonders schweren Fällen von bis zu 10 Jahren vorgesehen. Ein eigenständiges Anti-Doping-Gesetz wäre ein weiteres wichtiges Signal, dass in einem humanen sauberen Spitzensport für Doping kein Platz ist. Und ein weiterer Beitrag zu dem Willen, den sauberen Sportler bestmöglich vor den dopenden Betrügern zu schützen.