Interview mit Karl Lauterbach

Die Bilder vom Notstand in griechischen Kliniken sind alarmierend. Vielerorts ist es bereits zu einem Medikamentenengpass gekommen. SPD-Fraktionsvize Karl Lauterbach fordert im Interview mit dem Kölner Stadt-Anzeiger eine konzertierte Hilfsaktion von Pharmafirmen und Krankenkassen.

 

Herr Lauterbach, angesichts der drohenden Staatspleite verschlechtert sich die Lage der griechischen Bevölkerung zunehmend. Welche Konsequenzen muss die Politik ziehen?

Karl Lauterbach: Es ist sehr wichtig, dass man zunächst die Arzneimittelversorgung sicherstellt. Wir haben Hinweise darauf, dass die Medikamente selbst für Schwerstkranke in den Krankenhäusern knapp werden. Das ist eine stille humanitäre Krise, die bislang weitgehend unbeachtet bleibt.

Woran mangelt es besonders?

Lauterbach: Es fehlen Arzneimittel, die für die Behandlung von Schwerstkranken erforderlich sind. Dazu zählen neben schweren Herz-Kreislauf-Leiden vor allem Krebserkrankungen. Wenn die Chemotherapie bei einem Leukämie-Patienten unterbrochen werden muss, ist das verheerend.

Ist die Medizin das einzige Problem?

Lauterbach: Nein. Man bekommt den Eindruck, dass das griechische Gesundheitswesen insgesamt zunehmend nur noch die Basisversorgung abdecken kann. Zum Glück gibt es Kliniken, die sich kostenfrei um die Ärmsten kümmern.

Griechenland muss die meisten Arzneien importieren. Haben Sie Verständnis dafür, dass einige  deutsche Pharmakonzerne wegen   Zahlungsrückständen ihre Lieferungen eingeschränkt oder eingestellt haben?

Lauterbach: Überhaupt nicht. Das halte ich für unethisch. Es ist ganz klar, dass ein Pharmakonzern kein Wirtschaftsunternehmen wie ein Autohersteller ist. Die Preise der Arzneimittel sind extrem hoch und basieren normalerweise auf einer Mischkalkulation. In reichen Ländern wie den USA oder Deutschland werden sehr hohe Preise verlangt. Es ist nicht einzusehen, dass dies auch für ein armes Land wie Griechenland gilt. Die Pharmafirmen fahren zum Teil Gewinne von 15 bis 20 Prozent ein. Da sollte ein Zahlungsengpass  zu überbrücken sein. Man kann einem kleinen Land nicht kurzfristig die Arzneimittelversorgung kappen, nur weil das Geld knapp ist.

Inwieweit ist die griechische Regierung mit dafür verantwortlich, das die Arzneimittelversorgung des Landes so teuer ist?

Lauterbach: Es gibt natürlich strukturelle Probleme. Zum einen ist der Anteil der Generika, also der preiswerten Nachahmerprodukte, in Griechenland viel zu niedrig. In Deutschland sind acht von zehn Medikamenten Nachahmerprodukte, in Griechenland dominieren die Originalpräparate. Offenbar waren einflussreiche Lobbyisten der Pharmaindustrie dort in der Vergangenheit sehr erfolgreich, den Generikaabsatz zu drosseln. Jedenfalls ist der Arzneimitteleinkauf ineffizient und führt bei einigen Produkten zum vielfachen des Preises, den man hierzulande zahlen würde.

Das heißt: Die Pharma-Branche verdiente dort bislang besonders gut?

Lauterbach: Ja.

Hat die Tsipras-Regierung an diesem Missstand etwas geändert?

Lauterbach: Leider nein. Da ist deutlich weniger passiert, als ich von einer linken Regierung erwartet hätte. Das ist ein  Versäumnis, für das nun aber nicht die Bevölkerung in Haftung genommen werden darf. Jetzt muss humanitär geholfen werden, und zwar im Eiltempo. Die Lage ist prekär.

Was konkret muss geschehen?

Lauterbach: Die Politik muss sich dringend engagieren. Wir werden mit den Arzneimittelfirmen und dem Spitzenverband der Krankenkassen in Kontakt treten und versuchen, eine konzertierte Aktion auf den Weg zu bringen. Dazu könnte auch gehören, dass preiswerte Arzneimittel zu den Einkaufspreisen, die in Deutschland gelten, auf den griechischen Markt kommen.

Hoffen Sie auf EU-Gelder?

Lauterbach: Natürlich führen wir da Gespräche. Aber im Augenblick geht es vordringlich darum, dass die Lieferengpässe von Seiten der Firmen beseitigt werden. Erst einmal muss die Ware bei den Menschen ankommen, dann schauen wir weiter. Wir können nicht warten, bis es Finanzierungszusagen der EU gibt. Deutschland als starker Pharmastandort mit einer extrem starken  Generikaindustrie  könnte bei der Notfallversorgung ein Beispiel setzen. Das würde auch der politischen Diskussion in der Eurozone etwas Schärfe nehmen.

 

Das Interview führte Karl Doemens.