Fortschrittsdiskurs „Nachhaltigkeit: Wie misst man das?“

Die Arbeit der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ hat anschaulich gezeigt, dass die Überlastung unseres Umweltraums schon heute in vielen Regionen eine Verschlechterung der Lebensbedingungen zur Folge hat, zum Beispiel Wasser- und Luftverschmutzung, rasante Zunahme von Wüsten und Halbwüsten. Im Nachhaltigkeitsbericht wird umfassend und detailiert über den Zustand der Umwelt Auskunft gegeben. Leider führt diese Fülle an Informationen dazu, dass Experten und Interessierte gut informiert werden, es bisher eine breite öffentliche Debatte über diese Berichte jedoch nicht gegeben hat.

Vor diesem Hintergrund hatte die SPD-Arbeitsgruppe zur Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ unter der Leitung ihrer Sprecherin Edelgard Bulmahn zu einer Diskussion über ökologische Nachhaltigkeitsindikatoren geladen. Die Teilnehmenden diskutierten mit der Leiterin des Grundsatzreferats beim Umweltbundesamt, Dr. Kora Kristof, und der Vorsitzenden der Enquete-Kommission Daniela Kolbe, wie ein Indikatorensystem, dass die wesentlichen Aspekte von Wohlstand und Lebensqualität umfasst und damit die gesellschaftliche Entwicklung erheblich besser beschreibt, aussehen könnte.

Deutschland 2050: ressourcenleicht, immissionsneutral und ökologisch gerecht

Dr. Kora Kristof stellte ihre Überlegungen unter das Leitbild: Deutschland müsse 2050 ressourcenleicht, immissionsneutral und ökologisch gerecht sein. Dies bedeutet, die Beanspruchung der verschiedenen Umweltmedien, also Luft, Gewässer und Böden, nicht steigen darf. Der Einsatz natürlicher Ressourcen sollte minimiert werden. Die Nutzung von Wasser, Boden und Luft sollte gerecht gestaltet werden. Notwendig seien ein Umbau der Infrastrukturen und die richtigen Anreizsysteme in Produktionssystemen und Märkten. Vorschläge zu diesen Themen werden auch in der Projektgruppe 4 der Enquete-Kommission erarbeitet.

Kora Kristof empfahl der Kommission, ein kleines und kompaktes Set zu entwickeln, dass sich auf die politisch und gesellschaftlich breit akzeptierte deutsche Nachhaltigkeitsstrategie stützt. Gemäß ihrer Leitziele schlug sie vor, in diesem Set den Materialeintrag, Energie und Flächenverbräuche sowie auf Seiten der Senken den Klimawandel und die Schadstoffbelastung in den Vordergrund zu stellen. Zudem müssten gerechtigkeitsrelevante Fragen von Verteilung und Zugang zu öffentlichen Gütern sowie solche, die die Verteilung weltweit und zwischen den Generationen betreffen, Eingang in ein solches Set finden.

Indikatorensystem der Enquete

Daniela Kolbe stellte die Überlegungen der Enquete-Kommission zu einem Indikatorensystem vor, die die zuständige Projektgruppe 2 ausgearbeitet hat. Dieses soll aus vier Säulen bestehen: materieller Wohlstand, Soziales, gesellschaftliche Teilhabe und Ökologie. Innerhalb dieser Säulen soll es Leitindikatoren geben sowie „Warnlampen“, die aufleuchten, wenn das Überschreiten eines festgelegten Grenzwertes Gefährdung signalisiert. Als ökologische Indikatoren werde die Enquete gemäß den im Abschlussbericht der Projektgruppe 3 beschriebenen Grenzen des globalen Umweltraums die drei Indikatoren Entwicklung der Treibhausgasemissionen, des Stickstoffüberschuss und der Biodiversität, ggf. am Beispiel des Vogelindexes darstellen.

Nachhaltigkeitsindikatoren alltagsnah darstellen

In der anschließenden Debatte unter Leitung von Edelgard Bulmahn wurde vor allem die Auswahl und Relevanz des Indikatorensets problematisiert. Übereinstimmend wurde angemahnt, dass die Verknüpfung der Indikatoren mit den lebensweltlichen Erfahrungen der Menschen von entscheidender Bedeutung sei. Ohne Sichtbarkeit, ohne Bezug zum eigenen Leben würden die Indikatoren von den Menschen nicht als wichtig bewertet. Als Beispiel für eine lebensweltliche Verankerung diente u.a. die Schrittgeschwindigkeit in Fußgängerzonen, die als allgemeinverständliches Maß für gesellschaftliche Beschleunigungstendenzen herhalten könne.

Statistikpraktiker regten zudem an, der Darstellung und auch konkret der grafischen Aufbereitung des Indiaktorensystems große Aufmerksamkeit zu schenken. Die Rezeption hänge wesentlich von diesen Aspekten ab. Auch als Ergebnis dieser Diskussion wird sich die AG zur Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ der SPD-Bundestagsfraktion diesen Fragen noch einmal näher zuwenden.
Weiterführende Informationen:

Artikel von Daniela Kolbe zu den Anforderungen an einen Wohlstandsindikator auf der Debattenplattform des Fortschrittsforums: http://www.fortschrittsforum.de/nc/debattieren/detail/article/welchen-fortschrittsindikator-brauchen-wir.html?cHash=e2bc7319483b99c85a1e11024db62cc2&sword_list[0]=indikator

Projektgruppe Entwicklung eines ganzheitlichen Wohlstands-/ Fortschrittsindikators der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“
http://www.bundestag.de/bundestag/gremien/enquete/wachstum/projekt/gruppe_2/index.html

Themenbibliographie zur Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“
http://www.bundestag.de/dokumente/bibliothek/akt_lit/bibliographien/wachstum_wohlstand_lebensqualitaet_nachtrag_2012.pdf