Interview mit dem DIW-Chef

Deutschland steht  in der Corona-Krise wegen seines starken Staats wirtschaftlich besser da als andere, sagt der Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. 
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Interview mit dem DIW-Chef Marcel Fratzscher

 

Herr Fratzscher, Deutschland ist bisher relativ gut durch die Corona-Krise gekommen. Warum?

Marcel Fratzscher: Die vielleicht die wichtigste Lehre aus der Krise ist, dass Länder mit einem starken Sozialstaat deutlich besser durch die Krise kommen. Die soziale Marktwirtschaft ist ein Erfolgsmodell und Deutschland hat einen starken Sozialstaat und gute staatliche Institutionen, und das ist ein Erfolgsgarant.

Welche Rolle sollte der Sozialstaat spielen, um Deutschland zukunftsfähig zu machen?

In der Zukunft sollte die Bundesregierung darauf achten, dass der Sozialstaat umgebaut wird, zu einem aktivierenden Sozialstaat wird, die Menschen mitnimmt, sie qualifiziert, ihnen Erwerbstätigkeiten eröffnet, das Bildungssystem stärker betont. Sozial benachteiligte Gruppen, Menschen mit Migrationshintergrund, Menschen mit Behinderungen, diese Menschen sollten besser gefördert werden, auch über einen aktivierenden Sozialstaat. Das wird die große Herausforderung der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre sein, um eine möglichst breite soziale Teilhabe zu ermöglichen.

War das Konjunkturpaket richtig?

Deutschland durchlebt die schwerste Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg, trotzdem muss man sagen dass Deutschland im Vergleich zu vielen anderen relativ gut durch diese Krise gekommen ist, auch weil der Staat eine sehr starke Rolle eingenommen hat, wir in Deutschland starke staatliche Institutionen und ein hohes Maß an Solidarität haben. Es gibt kein Land in der Welt, das größere Konjunkturprogramme, größere Wirtschaftshilfen für die Bürgerinnen und Bürger, aber auch für die eigenen Unternehmen eingerichtet hat, als das in Deutschland der Fall war. Das ist bisher erfolgreich und sehr gut verlaufen. Jetzt geht es darum, die Erholung aus dieser Krise zu gestalten, und gleichzeitig die Risken dabei nicht zu ignorieren.

Wie sieht Ihr Ausblick auf die wirtschaftliche Entwicklung aus?

Wir sind im Augenblick verhalten optimistisch, hoffentlich wird Deutschland von der Wirtschaftsleistung her Anfang 2022 wieder da sein, wo man vor der Krise ist, dafür darf aber nichts mehr schiefgehen, dazu darf es keinen zweiten Lockdown mehr geben, dazu darf es keine globale Krise geben, dafür müssen die Finanzsysteme stabil bleiben, vor allem aber, und das gehört zu den wichtigsten wirtschaftspolitischen Prioritäten, muss die Beschäftigung stabilisiert werden. Die Arbeitslosigkeit darf nicht stark ansteigen, und dafür müssen auch die Unternehmen gut durch diese Krise kommen. Unternehmensinsolvenzen wird es geben. Den Unternehmen das Überleben zu ermöglichen, und sich neu aufzustellen, also den Strukturwandel zu gestalten sowie die Stabilisierung der Beschäftigung, das sind die großen Prioritäten um eine möglichst schnelle und auch nachhaltige auf Klimaschutz und Digitalisierung ausgerichtete Erholung zu ermöglichen.

Vor allem Familien leiden unter der Krise. Hilft die Politik ausreichend?

Viele Menschen haben in dieser Krise Einschnitte erleben müssen, sind in Kurzarbeit, wir haben über 700 000 zusätzliche Arbeitslose, viele mussten ja Arbeitszeit reduzieren um sich um die eigene Familie kümmern zu können. Und die soziale Polarisierung wird durch diese Krise größer. Menschen mit geringen Einkommen, geringer Qualifikation, vor allem Frauen sind von dieser Krise vor allem ganz hart betroffen. Auch wenn die Politik bisher schon einiges tut, um Menschen gezielt zu helfen, beispielsweise durch Kinderbonus, müssen wir darüber nachdenken, wie vor allem die sozial schwächeren Gruppen in Deutschland noch besser in dieser Krise geschützt werden können. Das kann über eine Entlastung bei den Sozialbeiträgen gelingen, das kann über ein Corona-Kindergeld geschehen, um nochmals gerade jungen Familien unter die Arme zu greifen, und vor allem über eine Politik, die darauf ausgerichtet ist, Kita- und Schulschließungen so gut es geht zu vermeiden.

Es gibt Stimmen, die die Verlängerung der Kurzarbeit und andere Hilfen für die Wirtschaft kritisieren. Dadurch würden sogenannte Zombie-Unternehmen entstehen, die nur aufgrund der staatlichen Hilfen überleben. Wie sehen Sie das?

Natürlich gibt es Zombie-Unternehmen. Nur weiß niemand genau, wer sie im Augenblick sind, und ich würde sehr davor warnen, eine Wirtschaftspolitik der harten Hand zu machen. Denn wenn man Unternehmen in die Insolvenzen zwingt, und Menschen in die Arbeitslosigkeit drängt, indem man Hilfen stoppt, dann wird man eben nicht die Zombie-Unternehmen in erster Linie stoppen sondern dann wird man vor allem junge Unternehmen treffen, kleine und mittlere Unternehmen, die nicht die tiefen Taschen haben, die aber für den Strukturwandel sehr wichtig sind. Eine kluge Wirtschaftpolitik richtet den Fokus auf kurzfristige Stabilisierung, die Sicherung von Beschäftigung, um vor allem auch den kleinen und jungen Unternehmen das Überleben zu ermöglichen.