Schavan muss Widerstand gegen Sonderprogramm für Alphabetisierung aufgeben
Eine heute vorgestellte Studie stellt fesst: Es gibt in Deutschland 7,5 Millionen funktionale Analphabeten. Die SPD-Fraktion hatte bereits im vergangenen Jahr vorgeschlagen, mindestens 10 Millionen Euro für eine Sonderprogramm zur Alphabetisierung in den Haushalt einzustellen. Bildungsministerin Schavan lehnt das bisher ab. Swen Schulz fordert sie auf, ihren Widerstand angesichts der neuen Zahlen endlich aufzugeben.
Die Zahl von 7,5 Millionen erwachsenen funktionalen Analphabeten in Deutschland darf nicht nur kurzfristige Bestürzung auslösen. Dieser "Alpha-Schock" muss ähnlich wie der PISA-Schock vor zehn Jahren konstruktiv genutzt werden, um die Bildungspolitik an dieser Stelle zu verändern: die Grundbildung muss wieder gestärkt werden und wir brauchen zielgenau zugeschnittene Fördermaßnahmen für die vielen betroffenen Erwachsenen, damit sie fit sind für eine angemessene Teilhabe am gesellschaftlichen Leben. Denn um nichts weniger geht es. Die SPD-Bundestagsfraktion fordert die Bundesministerin Schavan auf, den SPD-Vorschlag aus den jüngsten Haushaltsberatungen aufzugreifen und mindestens 10 Millionen Euro zusätzlich im Jahr für ein Alphabetisierungs-Sonderprogramm des Bundes bereit zu stellen. Die Ablehnung im vergangenen Herbst darf angesichts der aktuellen Zahlen nicht das letzte Wort der Koalition bleiben.
Mit Vorlage der Studie kann sich Schavan nicht länger hinter fehlenden Daten verstecken, wie sie es streckenweise noch in ihrer Antwort auf die kleine Anfrage der SPD getan hat. Der Handlungsbedarf liegt angesichts 2,3 Millionen. Analphabeten und weiteren 5,2 Millionen Erwachsenen mit prekärer, das heißt für die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben unzureichender, Alphabetisierung klar auf der Hand. Die Grundbildung für Erwachsene darf nicht hinten runter fallen, nur weil sich die Ministerinnen Schröder, von der Leyen und Schavan öffentlichkeitswirksam vor allem beim Kampf gegen Bildungsarmut bei den Jungen und Jüngsten einen Popularitätswettbewerb liefern. So richtig der frühe Ansatz ist, so wenig darf die Bildungspolitik die 7,5 Millionen betroffenen Erwachsenen im Abseits stehen lassen. Die Grundbildung von Erwachsenen gehört oben auf die bildungspolitische Agenda, der heutige "Alpha-Schock" darf nicht als eine vorübergehende Aufgeregtheit verpuffen.
Zuständig ist Bundesministerin Schavan. Heute rächt sich, dass Schavan und die Koalition in den Haushaltsberatungen mit ihrer Mehrheit den Antrag der SPD, für eine Alphabetisierungsinitiative 10 Millionen Euro zusätzlich vorzusehen, abgelehnt haben. Mit diesen Mitteln könnte der Bund rund 400.000 Förderstunden oder 8.000 Kurse für über 30.000 Menschen im Jahr zusätzlich finanzieren. Die SPD fordert die Bundesregierung auf, schnellst möglich ein konkretes Förderkonzept für ein solches Sonderprogramm vorzulegen. Es wäre schade, wenn auch bei diesem wichtigen Thema die Pressekonferenz selbst zugleich Schavans letzte Initiative bliebe.