Interview mit Carsten Schneider in der FAZ

Vor 100 Jahren trat in Weimar die Nationalversammlung zu ihrer konstituierenden Sitzung im Nationaltheater zusammen. Carsten Schneider, Erster Parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Fraktion, vertritt Weimar heute im Deutschen Bundestag.

Als 1919 die verfassunggebende Versammlung einen Tagungsort suchte, gab es viele Bewerber, Frankfurt, Würzburg, Kassel. Warum wurde es eigentlich Weimar?

Es gab mehrere Gründe. Berlin war auch Anfang 1919 noch eine sehr unruhige Stadt, es herrschten bürgerkriegsähnliche Zustände. Während die einen von rechts die Revolution ungeschehen machen wollten, kämpften die anderen von links für eine Fortführung der Revolution, um Deutschland zur Räterepublik nach Sowjetvorbild umzugestalten. Deshalb musste für die Erarbeitung der ersten demokratischen Verfassung ein Ort gefunden werden, der hinreichend Sicherheit bot. Weimar lag verkehrsgünstig und hatte einen exzellenten Ruf als Stadt der Klassik und der Kunst. Außerdem war der Büroleiter des damaligen Reichskanzlers Friedrich Ebert ein ausgesprochener Weimar-Freund. Und so kam es dann.

Die Weimarer Republik hat den Deutschen nicht viel Glück gebracht, sie wurde zum Inbegriff eines katastrophalen Scheiterns. Wie ist Weimar mit dieser Bürde umgegangen?

Diese historische Wahrnehmung ist aus meiner Sicht ganz falsch. Weimar hatte in der alten Bundesrepublik einen schlechten Ruf. Der Titel eines populären Buchs im Westen - „Bonn  ist nicht Weimar“ - wurde gern als Überschrift im politischen Feuilleton verwendet. Diese Republik wurde immer nur von ihrem Ende her betrachtet. Dabei war doch der Anfang, an den ich erinnern möchte, von  unglaublichen Anstrengungen geprägt und großem Mut die Demokratie zu erringen. Das alles nach dem Weltkrieg, einer zeitweiligen Weltwirtschaftskrise, bei Putschversuchen und einer antidemokratischen Großindustrie. Da ist von Demokraten Enormes geleistet worden. Deutschland bekam in Weimar die progressivste Verfassung in Europa. Und dann gab es auch in Weimar einen ungeheuren Aufbruch in der Kunst, beim Bauhaus in der Architektur, aber auch bei den bildenden Künsten. Weimar hat lange gebraucht, dieses Erbe nach der Wende neu anzunehmen. Zu DDR-Zeiten war es ja so, dass stets die Kommunisten die Guten waren und die von der SPD galten als die Verräter.  Es hat gedauert, sich davon zu lösen. Ein Meilenstein war vor zehn Jahren der 90. Jahrestag, als Frank-Walter Steinmeier im Deutschen Nationaltheater bei einer Festveranstaltung gesprochen hat. Ich habe dann gemeinsam mit ein paar anderen aus der Stadt einen Verein gegründet, auch um den 100. Jahrestag vorzubereiten. Damals gab es nur eine Plakette am Nationaltheater und sonst nichts.

Gab es dafür Unterstützung aus Berlin?

Nein, da bin ich anfangs gescheitert. Ich hatte versucht, Anträge dazu im Bundestag zu stellen. Norbert Lammert, der damalige  Bundestagspräsident, meinte, der Bundestag sei nicht Rechtsnachfolger des Reichstages. Nach dem Motto: „damit haben wir nichts zu tun“. Er hat uns dann angeboten, ein paar Stellwände aus dem Souterrain des Bundestags als Kopie in Weimar zu zeigen. Wir wollten das Erbe aber historisch weiter aufarbeiten und das öffentliche Bild der Weimarer Republik verändern. Es waren dicke Bretter, die zu bohren waren.

Das Bild von der Weimarer Republik war verblasst, dass es  nun wieder konturierter wirkt, hat aber nicht nur mit dem Jahrestag zu tun, oder?

Nein, das hängt auch mit den politischen Veränderungen zusammen, etwa mit der AfD im Bundestag, dem Rechtspopulismus. Ich würde hier aber keine Parallele zu Weimar ziehen, das war eine ganz andere, existentiellere Bedrohung. Wenn sie alleine die Rolle des damaligen Militärs betrachten, das nicht wirklich treu zur Republik stand, sondern eher mit zusammengebissenen Zähnen, oder besser gesagt: zähnefletschend. Und dann gab es natürlich Dinge, die das spätere Grundgesetz klug vermieden hat: Die starke Stellung des Reichspräsidenten zum Beispiel, der die Demokratie dann zuletzt mit ausgehöhlt hat. Wir setzten auf die repräsentative Demokratie.

Ist das ihre wichtigste Schlussfolgerung?

Das wichtigste ist die respektvolle Auseinandersetzung mit Argumenten und der Verzicht auf jegliche Gewalt als Mittel des politischen Kampfes. Die Akzeptanz demokratischer Lösungsprozesse. Damals waren politische Morde, Straßenkämpfe und ein mörderischer Hass zeitweise Alltag. Unterschiedliche Meinungen akzeptieren und den Konsens suchen. Das ist die Aufgabe. Und das ist nicht selbstverständlich. In Weimar hat auch die Gewalteskalation zum Untergang beigetragen.

Was bedeutet Weimar in diesem Zusammenhang für Sozialdemokraten?

Wir müssen die Demokratie und ihre Institutionen verteidigen. In den zwanziger Jahren hat die SPD in Preußen und Berlin als Regierungspartei den Staat repräsentiert. Für die damaligen Gegner der Republik, NSDAP und Kommunisten, waren Sozialdemokraten der Feind. Und so werden wir heute noch von Teilen der Linken angegriffen und gescholten. Die Erinnerung an die Wurzeln der Weimarer Republik haben jedenfalls Sozialdemokraten initiiert. Unterstützt von anderen, auch einigen Liberalen, haben wir erreicht, dass nun direkt gegenüber dem Deutschen Nationaltheater eine Erinnerungs- und Begegnungsstätte entsteht: das Haus der Weimarer Republik. Der Stadtrat hat das unterstützt, der Bund trägt die Finanzierung zu 90 Prozent. Schließlich geht es hier um einen Ort von nationaler Bedeutung. Bei manchen Rückschlägen, die man in der Politik im Alltag so erleben kann, ist dieser Ort ein großer Erfolg. Es bestätigt mich auch, im richtigen Laden zu sein, einer Partei, die demnächst 160 Jahre alt wird und eigentlich immer auf der richtigen Seite gestanden hat.

Für wen ist das gedacht, die Weimarer?

Auf dem Theaterplatz in Weimar treffen sich Besucher aus dem ganzen Land, Junge und Alte, die in der Stadt die Klassik besuchen, aber auch nach Buchenwald zum ehemaligen Konzentrationslager fahren. Wenn ich am Nationaltheater Wahlkampf mache, habe ich Mühe Einheimische anzusprechen. Stattdessen treffe ich Schulklassen aus ganz Deutschland. Ich möchte, dass diese jungen Leute aus ganz Deutschland sich auch noch einen halben Tag mit der Weimarer Republik, mit der ersten Demokratie in Deutschland beschäftigen. Und es soll ein Ort der politischen Debatten werden, durchaus strittig und kontrovers.