Wirtschaftsempfang der SPD-Fraktion findet großen Zuspruch

Unter dem Motto „Industrie 4.0“ lud die SPD-Bundestagsfraktion am Montag zu ihrem traditionellen Wirtschaftsempfang nach Berlin. Rund 700 Gäste diskutierten mit Expertinnen und Experten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik die Chancen und Herausforderungen der Produktions- und Arbeitswelten im digitalen Zeitalter. Beim abendlichen Empfang machten Siemens-Chef Joe Kaeser und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel deutlich, dass Deutschland als Industrienation im internationalen Wettbewerb mehr Gestaltungsmacht habe als viele glauben, sofern sich unsere Industrienation auf ihre Stärken besinnt und Veränderungsbereitschaft zeigt.

"Wir betreten alle miteinander unkartierte Gewässer", stellte Fraktionsvize Hubertus Heil gleich nach der Begrüßung im Bundestag klar. Um Deutschland für den anstehenden Strukturwandel bestmöglich aufzustellen, brauche es einen starken Verbund zwischen der Wissenschaft, der Wirtschaft, den Sozialpartnern und der Politik, der für Deutschland gemeinsam Antworten auf die zunehmende Digitalisierung erarbeite. Die SPD-Bundestagsfraktion wolle diesen Dialog mit Veranstaltungen wie dem Wirtschaftsempfang vorantreiben.

Im Anschluss diskutierten Fachpolitiker/innen der SPD-Fraktion mit Gästen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft in drei Gesprächsrunden, was "Industrie 4.0" für sie bedeute, wie deutsche Unternehmen international wettbewerbsfähig bleiben können, welche Herausforderungen uns in der Arbeitswelt oder beim Thema Normen, Standards und Datenschutz begegnen werden.

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"Wir können Digitalisierung nicht abwählen"

Der wirtschafts- und energiepolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Wolfgang Tiefensee, führte bei der von ihm moderierten Podiumsdiskussion in das Thema Industrie 4.0 ein.

Für Manfred Wittenstein, Aufsichtsratsvorsitzender der Wittenstein AG, steht Industrie 4.0 für "die Produktions- und Arbeitswelten der Zukunft". Die größte Chance aber auch Herausforderung liege in neuen intelligenten Vernetzungen – zwischen Objekten, zwischen Mensch und Maschine, zwischen realen und virtuellen Daten.

Auch Henning Kagermann, Präsident der acatech - Deutsche Akademie der Technik-wissenschaften, plädierte dafür, den gesamtgesellschaftlichen Dialog zu suchen. Denn "wir können Digitalisierung nicht einfach abwählen". Stattdessen sollte man in Deutschland Kompetenzzentren aufbauen, die steigende Souveränität des Kunden einkalkulieren und an einem digitalen Binnenmarkt Europa arbeiten.

Politik habe das Thema erkannt und bereits einiges getan, versicherte Brigitte Zypries (SPD), Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie. Seit 2013 gebe es beispielsweise die gleichnamige Kooperations-Plattform Industrie 4.0, diverse Förderprogramme und eine Monitoringstelle für Standardisierungen.

Auswirkungen auf den „Arbeitsmarkt 4.0" frühzeitig begegnen

Beim Fachforum "Arbeit 4.0" diskutierte Sabine Poschmann, SPD-Fraktionsbeauftragte für Mittelstand und Handwerk, mit ihren Podiumsgästen "die Rolle des Menschen" in einer Industrie 4.0 und die Konsequenzen für die Aus- und Weiterbildungssysteme.

"Wir müssen differenziert an die Personalfragen der Zukunft herangehen", forderte Uwe Schirmer, Direktor der Zentralabteilung für Personalgrundsatzfragen bei der Robert Bosch GmbH. So brauche man in Kreativbereichen selbstverständlich eher eine "Start-up Kultur" als in der Fertigung. Und ob man durch die Digitalisierung künftig mehr oder weniger Arbeitskräfte benötige, sei noch nicht klar.

Auch Wolfgang Schroeder, tätig für die IG Metall und Professor an der Universität Kassel, sprach sich dafür aus, weder "Ängste zu schüren" noch "blauäugig in die Debatte reinzugehen". Besonderen Handlungsbedarf sieht Schroeder vor allem bei der Weiterbildung von Geringqualifizierten – und in der Forschung.

Dies unterstrich auch Sabine Pfeiffer, Professorin der Universität Hohenheim, ISF München e. V. – Institut für Sozialwissenschaftliche Forschung: Man solle das "Erfahrungswissen" nicht unterschätzen. Einem Hilfsarbeiter Google Glasses aufzusetzen, mache ihn noch nicht zu einem Facharbeiter, so Pfeiffer. Deutschlands Wettbewerbsvorteil sei das Know-how einer Industrienation und ihr Fundament die duale Ausbildung von Fachkräften. Dieses Wissen könne weniger schnell kopiert werden als beispielsweise eine IT-Software und sollte daher der Ansatzpunkt sein.

Alle Podiumsteilnehmerinnen und -teilnehmer waren sich einig, dass Deutschland für die digitalisierte Arbeitswelt der Zukunft daher vor allem noch mehr Facharbeiterinnen und -arbeiter braucht, die Kompetenzen in drei Bereichen mitbringen: Mechanik, Elektronik und Programmierung / Internet.

Anforderungen an Standards frühzeitig definieren

Im Fachforum "Rahmensetzung 4.0" beschäftigten sich die Panelteilnehmer mit dem Thema Standardisierung und Datensicherheit. Die Moderation übernahm Gabriele Katzmarek, Berichterstatterin für Industrie 4.0 der SPD-Bundestagsfraktion.

Gesche Joost, Digitale Botschafterin Deutschlands der Bundesregierung, sagte, es sei wichtig, sich in Deutschland schnell über Datenschutzstandards zu verständigen, die für den Verbraucher und auch auf internationalen Märkten händelbar seien.

Claudia Eckert, Institutsleiterin des Fraunhofer AISEC, wünschte sich in diesem Zusammenhang von der Bundesregierung mehr Förderung von Referenzlabors, in denen die deutsche Forschung und Wirtschaft in realer Umgebung experimentieren und besagte Standards entwickeln könne.

Wie Joost plädierte auch Stefan Weisgerber, Abteilungsleiter beim DIN Deutsches Institut für Normung e. V., dafür, bei dieser Entwicklung von Normen und Standards schnellstmöglich eine europäische Perspektive zu entwickeln.

Noch ist nicht entschieden, wer die Industrie 4.0 beherrschen wird

In seiner Keynote auf dem abendlichen Empfang ermutigte der Vorstandsvorsitzende der Siemens AG, Joe Kaeser, die zahlreichen Gäste: "Es gibt keinen Grund mit großer Sorge in die Zukunft zu schauen." Es gebe kein Land, das so integrierte Wertschöpfungsketten habe wie Deutschland. "Wir müssen nur aufgeschlossen sein." Als Erfolgsfaktor Deutschlands sehe Kaeser die Technologiekompetenz. Die größte Gefahr für Deutschland seien dabei nicht Google & Co., sondern die geopolitischen Risiken.

Auch Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel sagte in seiner anschließenden Rede, er sei überzeugt, dass Deutschland gerade wegen seines hohen Grades an Industrialisierung in einer digitalen Ökonomie große Wettbewerbschancen habe. Industrie 4.0 zeige doch eigentlich, dass es nicht um die so genannte "New Economy" oder "Old Economy" gehe, sondern um die "Next Economy". Denn "die eigentliche Fähigkeit unseres Landes" sei doch seit rund 200 Jahren "die Innovation und die Integration: die Innovation, neue Produkte und neue Verfahren zu erfinden und sie dann in den vorhanden Produktions- und Dienstleistungsprozess so zu integrieren, dass man daraus ökonomischen und sozialen Erfolg kreieren kann".

Laut Gabriel spiele das Thema Qualifikation und Offenheit hier eine wichtige Rolle. Investition in Bildung sei elementar, um die beschriebene deutsche Kernkompetenz aufrechtzuerhalten und auszubauen. Zudem werde Deutschland "den Wandel" nur dann gut bewältigen können, "wenn wir ihn optimistisch und im Bewusstsein unserer ökonomischen und gesellschaftlichen Stärken" gestalten.

Auch SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann und Fraktionsvize Hubertus Heil zogen eine positive Bilanz. Noch sei nicht entschieden, wer die Industrie 4.0 beherrschen werde: diejenigen mit der Industrieprozess-Kompetenz oder diejenigen mit der IT-Software. Deutschland sollte sich auf seine Stärken besinnen und diese neu vernetzen.

Die SPD-Bundestagsfraktion werde auch über den Wirtschaftsempfang hinaus den Dialog mit Wirtschaft, Wissenschaft und Sozialpartnern vorantreiben. Denn "unsere Aufgabe ist es, aus technischem Fortschritt einen gesellschaftlichen zu machen".

 

Jasmin Hihat