Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!
Frau Dr. Hein, man muss nicht jubeln, aber man darf sich durchaus am Fortschritt freuen.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU – Dr. Rosemarie Hein [DIE LINKE]: Das habe ich ja gesagt!)
Dies ist das Ergebnis einer großen Gemeinschaftsleistung von vielen Menschen, die sich in der Bildungspolitik, in der Förderung von Kindern und Jugendlichen engagieren. Unsere Bildungsministerin hat es insoweit auf den Punkt gebracht, als sie gesagt hat: Wir reden nicht mehr vom PISA-Schock, sondern vom PISA-Fortschritt. –Weiteren Fortschritt zu erreichen, sollte unser Leitmotiv für die Zukunft sein.
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Dass wir nicht immer Konsens haben, Kollege Rupprecht, darf man zu Beginn einer solchen Debatte sicherlich ansprechen. Die Bildungspolitik lebt auch von Alternativen. Wir Sozialdemokraten hätten uns tatsächlich mehr gewünscht und wären gern mehr in die Richtung gegangen, die eine Befragung des Deutschen Kinderhilfswerks aufzeigt. In dieser Befragung haben die Menschen in Deutschland gesagt, dass sie bereit wären, mehr Steuern zu zahlen, wenn das Geld dafür eingesetzt würde, die Armut von Kindern, materielle Armut und Bildungsarmut, noch besser zu bekämpfen. Wir müssen diesen Bereich stärker ausstatten, als wir es jetzt unter bestimmten Kautelen tun können. Wir verzichten auch nicht darauf, dies immer wieder anzusprechen und anzumahnen.
(Beifall bei der SPD)
Denn wir brauchen das entsprechende Bewusstsein und auch die Bereitschaft, für Bildung mehr Mittel einzusetzen, um den Fortschritt voranzutreiben.
Wir wissen auch: Angesichts der Bedingungen, unter denen wir jetzt handeln, müssen wir uns auf die wichtigsten Punkte einigen. Ich erinnere mich an eine Debatte vor drei Jahren, in der Kollege Weinberg vor dem Hintergrund der damaligen Fortschritte sagte: Es wird wichtig werden, früher zu fördern, zielgenauer zu fördern und bedarfsorientiert zu fördern. – Ich möchte jetzt sechs, sieben Punkte ansprechen, die zeigen, wie dies aus unserer Sicht geschehen kann.
Erster Punkt. Eine Einsicht aus PISA ist gewesen, dass die gesamte Bildungsbiografie zu betrachten ist und dass der Anfang der wichtigste Zeitpunkt ist. Deshalb muss eine Priorität – hier spielt Zielgenauigkeit eine wichtige Rolle – weiter darin bestehen, die frühkindliche Bildung in jeder Hinsicht, zum Beispiel in den Kindertagesstätten, zu verbessern.
(Beifall bei der SPD sowie des Abg. Özcan Mutlu [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])
Wir müssen ausdrücklich – ich glaube, hier haben wir Konsens – nicht nur die Leistung der Lehrerinnen und Lehrer anerkennen, sondern genauso die Leistung der Erzieherinnen und Erzieher, also all derjenigen, die sich im sozialen Umfeld engagieren.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU und des BÜNDNISSES 90/DIE GRÜNEN)
Zur Zielgenauigkeit gehören eine Verbesserung der Erzieherausbildung und eine Verbesserung der Situation in den Kindertagesstätten. Über das Betreuungsgeld muss ich jetzt nicht reden. Manchmal wird einem weh ums Herz, wenn man daran denkt, was wir mit diesen Mitteln anfangen könnten. Zur Zielgenauigkeit gehören ebenso die Unterstützung der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ – diese wird die Ministerin sicherlich erwähnen – und gezielte Sprachförderung.
Zweiter Punkt. Schulsozialarbeit wurde bereits damals in den sieben Punkten der Kultusministerkonferenz erwähnt. Sie muss und kann verstärkt werden. Damit würde man soziale Gerechtigkeit fördern und dafür sorgen, dass alle Kinder angesprochen werden und ihr Zugang zu Bildung verbessert wird.
(Britta Haßelmann [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Ja, dann macht das auch!)
Dritter Punkt. Wenn wir vom Bund kein zweites Ganztagsschulprogramm auflegen können, dann sollten wir zumindest die Qualitätsentwicklung in den Ganztagsschulen begleiten. Dies müssen wir auch tun; denn dieses Handlungsfeld ist schon als Konsequenz aus der PISA-Studie im Jahr 2000 angesprochen worden.
(Kai Gehring [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Betreuungsgeld abschaffen!)
Vierter Punkt. Ein Detail der Analyse aus PISA 2012 ist, dass wir gerade im Kompetenzfeld Mathematik noch große Unterschiede zwischen dem Leistungsvermögen der Mädchen und der Jungen erleben. Bei einer Lesestudie würden wir das Umgekehrte feststellen, nämlich dass die Jungen nicht so kompetent sind wie die Mädchen. Selbst wenn 50 Prozent der Mathematikstudenten weiblich sind, ist es trotzdem wichtig, diesen Punkt aufzugreifen. Es erfordert auch Forschung, und zwar nicht nur in Bezug auf die Frage, wie man Kompetenz feststellen kann, sondern auch in Bezug auf die Didaktik, die Methodik und die Motivation. Ziel muss sein, dass Mädchen wie Jungen in jeweils den Kompetenzfeldern, in denen sie bisher nicht so stark sind, besser werden. In der Bildungsforschung werden wir dort Akzente zu setzen haben.
(Beifall bei Abgeordneten der SPD)
Der fünfte Punkt – Sie haben ihn angesprochen – muss sich auf die Qualifizierung im Rahmen der Lehrerbildung beziehen. Hier stehen wir im Wort, den pädagogischen Forschungseinrichtungen der Länder 500 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen.
Ich will über diese fünf Punkte hinaus ein sechstes Thema ansprechen, das sich diese Regierung vornehmen kann und das im Koalitionsvertrag aufgegriffen wurde: Wir sollten die Ausbildungsbrücken verbreitern und verstetigen. Mancher wird sagen: Aber das hat doch nichts mit PISA zu tun; schließlich beginnt die Ausbildung in der Regel nach dem 15. Lebensjahr. – Aber noch einmal: Das PISA-Denken nimmt die gesamte Bildungsbiografie in den Blick, auch die zweite Chance.
Eines wissen wir doch alle: Wenn junge Menschen, die keine ausreichenden Kompetenzen haben, nicht einmal die Chance bekommen, einen Ausbildungsplatz zu finden, dann kann man ihre Kompetenz auch nicht mit einer zweiten oder dritten Chance stärken. Deshalb ist ein Teil unseres PISA-Fortschrittskonzepts, auch ausbildungsbegleitende Hilfen und Einstiegsbegleitung bis hin zur assistierten Ausbildung anzubieten, damit Kompetenz auch im zweiten Schritt wachsen kann. Ganz wichtig ist, dies gemeinschaftlich zu organisieren.
Als letzten Punkt nehme ich kurz einen anderen Gedanken auf. In der Koalitionsvereinbarung wurden zwei Aspekte relativ unverbunden nebeneinandergestellt: Sprachangebote für zugewanderte und geduldete Menschen bis hin zu Asylbewerbern und die Anpassung des Anerkennungsgesetzes, um zu ermöglichen, dass es auch eine Förderung für Hochqualifizierte, die zu uns gekommen sind, gibt. Ein Ergebnis der PISA-Studie ist im Übrigen, dass die Durchschnittswerte in Deutschland auch deshalb gestiegen sind, weil in den Analysen mittlerweile so viele kompetente Migrantenkinder enthalten sind.
(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der LINKEN)
Wenn es gelingt, für all die Menschen, die in das Einwanderungsland Deutschland kommen, eine Bildungserwartung zu wecken und eine Bildungschance zu schaffen, durch die auch Bildungsfreude entsteht, dann haben wir eine Brücke gebaut: von der reinen Kompetenz zu etwas, was Bildungspolitik und Bildungsförderung auch beinhalten, nämlich Freude am Lernen und an der Aneignung von Wissen.
Meine Schlussbemerkung. Ja, die PISA-Studie zeigt Fortschritte bei den Kompetenzen. Aber wir in Deutschland haben einen anderen Anspruch: Wir wollen keine Kompetenzrepublik, sondern eine Bildungsrepublik sein.
(Beifall bei der SPD)
Deshalb ist es so wichtig, immer wieder zu betonen: Ohne Kompetenzen gibt es keine Bildung, aber Kompetenzen sind auch nicht alles. Der Bund hat auch die Aufgabe, für Freude und Fröhlichkeit in Kindertagesstätten, in Schulen und in der Bildungsgesellschaft insgesamt mit zu sorgen.
Danke schön.