Rede von Detlev Pilger zur Homosexualität im Sport

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen! Viele Ereignisse der letzten Wochen haben gezeigt, dass wir beim Thema Homosexualität noch weit von Normalität entfernt sind. Ganz deutlich wurde dies – es wurde eben schon angesprochen – beim Comingout von Thomas Hitzlsperger. Zunächst möchte ich an dieser Stelle betonen, dass ich den Mut von Thomas Hitzlsperger bewundere. Ich habe großen Respekt vor seiner Entscheidung. 

Gleichwohl muss man feststellen: Auch Thomas Hitzlsperger als ehemaliger Nationalspieler wagte diesen Schritt erst, als er kein aktiver Sportler mehr war. Daran kann man erkennen, wie groß der Druck sein muss, der vor allen Dingen in den Stadien ausgeübt wird. Thomas Hitzlsperger hat genau auf dem Schirm gehabt, dass er, wenn er sich schon früher als Schwuler geoutet hätte, denunziert und im Stadion plattgemacht worden wäre. Er hätte den Schmähungen wahrscheinlich auf Dauer nicht standgehalten. In den Medien – auch das ist ein Zeichen dafür, wie außergewöhnlich so ein Schritt noch bewertet wird – beherrschte das Outing von Thomas Hitzlsperger tagelang die Schlagzeilen. Die Tagespresse wurde ständig gefüttert mit Nachrichten darüber, und es gab eigene Talkshows dazu. Daran sieht man, wie außergewöhnlich dieses Thema noch ist, wie weit wir noch von Normalität entfernt sind und wie viel wir noch dafür tun müssen, dass sich Schwulsein als Normalsein etabliert.

Gerade in klassischen Männersportarten – Fußball ist ja nach wie vor eine, obwohl die Fußballerinnen international durchaus erfolgreicher sind –, passt Schwulsein nicht ins Klischee einer immer noch starken Fankultur. Häufig ist es nur ein kleiner Teil der Fans, der diese Stimmung schürt. In den Stadien kann bzw. wird diesen jedoch nicht deutlich widersprochen werden. Es stellt sich die Frage: Was können wir tun, um diese leidvolle Situation zu verändern und mehr Toleranz und Vielfalt zu erreichen?

Zunächst habe ich über meine eigene Sportlertätigkeit nachgedacht. Statistisch gesehen müsste ja von elf Spielern einer schwul sein. Das hat mich zum Nachdenken darüber gebracht, wer von meinen Sportskameraden im Laufe meines 50-jährigen Fußballerdaseins unter dieser Situation gelitten haben mag. Erfreulicherweise – das wurde angedeutet – gibt es Initiativen von einzelnen Vereinen, Verbänden und Fangruppen. Jedoch könnte gerade hier das verstärkte Gespräch mit den unterschiedlichen Fangruppen ein vielversprechender Ansatz sein. Sportfunktionäre, Verantwortliche in Vereinen, Trainer und Spieler müssen hier deutliche Zeichen setzen. Sowohl der DFB als auch das NOK bemühen sich, für mehr Toleranz und Respekt zu werben und Brücken zu bauen zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft, unterschiedlichem Aussehen und unterschiedlicher sexueller Veranlagung. Als beispielhaft dürfen an dieser Stelle die Berliner Vereine Hertha BSC, Türkiyemspor und Tennis Borussia Berlin genannt werden, die durch ihr Engagement bereits eine deutlich höhere Akzeptanz von Schwulen und Lesben in ihren Vereinen erreicht haben.

In der Fortbildung von Trainern und Übungsleitern müsste stärker auf das Thema Homosexualität eingegangen werden. Es müsste möglichst früh ein Gespräch mit den jungen Sportlerinnen und Sportlern geführt werden. Diese Ansätze, liebe Kolleginnen und Kollegen, müssen jedoch dringend ausgebaut, also stärker unterstützt und finanziert werden. Eine Sensibilisierung der Öffentlichkeit für dieses Thema sollte dringend erfolgen. Hier wäre besonders der Bereich Bildung gefordert. Bereits bei der Lehrerausbildung sollte Homosexualität eine stärkere Berücksichtigung finden. In Lehrplänen dürfte Sexualerziehung kein Randthema sein, sondern müsste fester Bestandteil eines interdisziplinären Lernens werden. Fächer wie Biologie, Deutsch, Sozialkunde, Ethik und Religion böten sich hier besonders an. Aber auch im Sportunterricht sollten Homosexualität sowie differenzierte Sportleistungen unbedingt behandelt werden.

Meine Erfahrungen als Lehrer an einer sehr großen berufsbildenden Schule haben gezeigt, dass es zunehmend eine stärkere Akzeptanz von Homosexualität gibt, aber gleichermaßen auch noch viele Vorurteile. Das macht sich häufig an Schimpfwörtern fest. So wird zum Beispiel ein schlecht gespielter Fußballpass zu einem „schwulen Pass“ oder eine schlechte Zeugnisnote zu einer „schwulen Note“. Das ist diskriminierend, menschenverachtend und tut weh.

 Aber, liebe Kolleginnen und Kollegen, auch die Politik könnte deutlichere Signale senden, damit Homosexualität als normal bewertet wird. Wir sollten uns nicht von der Justiz treiben lassen, um die Gleichstellung voranzubringen. Es besteht meiner Meinung nach dringender Handlungsbedarf beim Adoptionsrecht und bei der Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare. Zumal man für eingetragene Lebenspartnerschaften zwar bereits gleiche Pflichten, jedoch keine gleichen Rechte manifestiert hat. Liebe Kolleginnen und Kollegen, lassen Sie uns dies doch gemeinsam tun. Lassen Sie uns in wesentlichen Fragen, in denen es um Menschenrechte, um Bürgerrechte oder um ethische Dinge geht, doch bitte gemeinsam handeln. Ich glaube, es tut unserem Hohen Hause gut, das gemeinsam nach außen zu tragen, Rechtsverletzungen wie etwa in Russland oder in der arabischen Welt dürfen bei Staatsbesuchen nicht unkommentiert bleiben, wenn wir glaubwürdig für Normalität und Respekt im Umgang mit Homosexualität im Sport und in der Gesellschaft eintreten wollen.

Ich würde gerne schließen mit einem Zitat eines von den meisten von uns bewunderten Mannes, des Heiligen Vaters Papst Franziskus. Als er in einem Interview zu seiner Einstellung zur Homosexualität befragt wurde, sagte der Papst wörtlich: Wenn jemand … Gott sucht und guten Willens ist, wer bin ich, um über ihn zu richten? Lassen Sie uns in diesem Sinne gemeinsam alles tun, um für die Gleichstellung von homosexuellen Menschen hier und international zu sorgen.

Beim Antrag von Bündnis 90/Die Grünen fragen wir uns: Warum haben Sie dieses eilige Prozedere gewählt? Ich hatte als Berichterstatter erst am Mittwochmorgen die Vorlage auf dem Tisch. Wir hatten keine Möglichkeit mehr, in der Fraktion darüber zu sprechen. Ein solch wichtiges Thema braucht mehr Zeit, muss fundiert angegangen werden. Ich bin einer etwas anderen Meinung als der geschätzte Kollege Eberhard Gienger. Ich sehe in Ihrem Antrag viele gute Ansätze. Er erfolgte aber leider im Hauruckverfahren. Von daher können wir dem Antrag leider nicht zustimmen. Wir legen eine eigene Vorlage vor.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.