Bericht zur 25. Sitzung der Enquetekommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“

Reichen Transparenz und Information aus, um verantwortungsvoll zu konsumieren? Die Enquete-AG will unter anderem die Einkommensschwelle für nachhaltigen Konsum senken.

Bewusst zu konsumieren gilt heute als Nachweis verantwortlichen Handelns. In unseren Supermärkten wimmelt es von Biosiegeln und Fair-Trade-Labeln. Gleichzeitig klagen wir ebenso über eine Waren- und Werbungsflut, die einen rücksichtlosen Kauschrausch  zur Folge habe. Von diesem Widerspruch handelte die 25. Sitzung der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ zum Thema „Nachhaltiger Konsum“. Debattiert wurde auf Basis der Inputs der empirischen Konsumforscherin Prof. Lucia A. Reisch von der Copenhagen Business School und des Frankfurter Sozialethikers und Jesuiten Prof. em. Friedhelm Hengsbach SJ.

Reisch: Nachhaltigerer Konsum als Standardoption

In ihrem Vortrag wies die Ökonomin Lucia A. Reisch darauf hin, dass es keinen nachaltigen, wohl aber nachhaltigeren Konsum gebe. Für das Ziel, nachhaltig Konsum zu fördern, sei die Gestaltung der Rahmenbedigungen entschiedend. Das Leitbild vom mündigen Verbraucher setze Transparenz über Inhalt und Wirkung von Produkten und Herstellungsverfahren voraus. Einen Großteil der Konsumentscheidungen träfen wir unbewusst und auf Basis von Gewohnheitswissen. Zwar erklärten viele Menschen, dass es sinnvoll ist, nachhaltig zu konsumieren, aber die wenigsten handelten entsprechend. Mangelnde Information sei nur ein Grund hierfür, aber auch Überinformation führe zu Resignation.

Aktuell sei nachhaltigerer Konsum grundsätzlich die aufwändigere Alternative, denn er sei zeitintensiv und erfordere psychische Energie. Diese Hürden müssten abgebaut werden um nachhaltigeren Konsum quasi zu demokratisieren. Dazu müssten nachhaltige Produkte die leichtest zugänglichen sein, und spiegelbildlich nicht nachhaltige Altenativen unattraktiv und schwerer zugänglich gemacht werden. So könnte etwa bei Bankberatungen ein zwingender Hinweis auf ethische Geldanalagen vorgeschrieben werden, gesundheitsbeeinträchtigende Nahrungsmittel schwer zugänglich plaziert oder Parkplätze in Innenstädten ausschließlich Elektroautos vorbehalten bleiben. Weitere Instrumente zur Förderung nachhaltigeren Konsums seien auf Unternehmensseite die Anwendung von Standards für Corporate Social Responsibility oder staatlicherseits etwa die steuerliche Absetzbarkeit energetischer Sanierung oder eine integrierte Verbraucherbildung von Kind auf.

Reisch zufolge sei es eine Kernaufgabe nachhaltigere Konsummuster zur erreichen, Wachstum nachhaltiger zu machen, so dass auch niedrige Wachstumsraten für einen hohen Wohlstand ausreichen. Zentrale Bereiche seien Ernährung, Wohnen und Mobilität. In Deutschland habe sich nachhaltigerer Konsum im Ernährungsbereich am stärksten durchgesetzt, besonders Bio-Produkte und regionale Erzeugnisse würden nachgefragt. Der Anteil nachhaltigerer Produkte läge hier inzwischen bei 5-10% des Marktvolumens, legt man einen engen Nachhaltigkeitsbegriff zugrunde jedoch nur bei 1-2%. Auch im Bereich Energieeffizienz sei nachhaltigerer Konsum über einen kleinen Nischenmarkt hinaus etabliert.

Hengsbach: Dem Konsumsog entgegenwirken

Der Sozialethiker und frühere Leiter des Nell-Breuning-Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik Friedhelm Hengsbach bemühte sich die Frage nachhaltigen Konsums gesamtgesellschaftlich einzuordnen. Als Beurteilungsmaßstab schlug er Regelethik statt Tugendethik vor: wichtig seien die Strukturen, nicht der einzelne Verbraucher oder die einzelne Verbraucherin. Der Verbraucher sei die am meisten vernachlässigbare Größe wenn es um das Umsteuern der Wirtschaft gehe, da er nicht über genügend Einfluss bzw. über Information verfüge.

Hengsbach warnte vor einem Konsumsog. Dieser entstünde aufgrund des Zwangs  der Hersteller zu notwendig wachsender Konsumgüterproduktion. Die Folge daraus seien kürzere Produktlebenszyklen und eine offensive Werbung. Konsum werde zu einem Zeichen für die Zugehörigkeit zu einem Millieu. Vom Güterkonsum gehe der Weg zum Geltungskonsum und Erlebniskonsum. Es bestünde die Gefahr einer Instrumentalisierung aller Dinge um des Konsum Willen. In diesem Zusammenhang regte er gesetzliche Vorschriften für eine längere Lebensdauer von Produkten sowie eine Einschränkung der Werbung im öffentlichen Raum an.

Hengsbach unterscheidet einen Konsum zum Zeitgewinn von einem Konsum zur Bedürfnisbefriedigung. Den Konsum zum Zeitgewinn verknüpft er mit einer Tendenz weg von der unbezahlten Arbeit in der Privatsphäre hin zur Erwerbsarbeit. Zeit dafür werde sich mit Haushaltsgeräten, Fertiggerichten und Dienstleistungen wie Wohnungsreinigung, Kinderbetreuung und Altenpflege erkauft. Um diese Veränderungen zu erfassen schlug er die Einfügung einer Zeitrechnung in der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung vor.
Um die Konsumstandards der Industrieländer und das Recht der Entwicklungsländer klimaverträglich zu vereinbaren bestünden müsse der derzeitige Konsum Hengsabch zufolge ausgebremst oder umgesteuert werden.

SPD: Soziale Schwellen für nachhaltigen Konsum senken

In der anschließenden Debatte unterstrichen die der SPD zugehörenden Mitglieder der Kommission viele Thesen der geladenen Sachverständigen. So machten es sich politische Entscheidungsträger zu leicht, wenn sie die Verantwortung schlicht auf „mündige Verbraucher“ schieben. Wir müssen auch regulieren, um nachhaltigen Konsum zum Standard zu machen und so die Einkommensschwelle für nachhaltigen Konsum zu senken.

Der Sachverständige Hexel wies auf die kulturelle Dimension hin. Konsum sei zur spirituellen Befriedigung geworden und somit normatives Leitbild. Dies zu hinterfragen sei wesentlich Voraussetzung nachhaltigen Konsums. Letzteren müsse auch der Gesetzgeber durch ordnungs- und wettbewerbsrechtlich Regelungen wie die Internalisierung externer Umwelt- und Sozialkosten fördern: Die gesellschaftlichen, wie auch gesundheitlichen Kosten eines Konsumguts müssten in dessen Preis erkennbar sein.

Auch von anderen Fraktionen benannte Mitglieder der Komission betonten die Bedeutung einer systematischen Herangehensweise an das Thema nachhaltiger Konsum. So forderte der Sachverständige Habisch, dass die moralisierende Betrachtung des Konsums in die Mottenkiste müsse. Der Sachverständige Brand betonte die Bedeutung des Megatrend der Globalisierung westlich-industrieller Lebensweisen. Deren Folgewirkungen auf die Belastung des globalen Umweltraums wurde schon in der Projektgruppe 3 der Kommission intensiv diskutiert.

Mit den Ergebnissen der Anhörung kann die Projektgruppe 5 der Kommission nun Handlungsempfehlungen für einen nachhaltigeren Konsum erarbeiten. Klar ist dabei, dass es mit einer Aufklärung einzelner Verbraucherinnen und Verbraucher nicht getan ist.

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Videostream der 25. Sitzung der Enquete-Kommission Wachstum-Wohlstand-Lebensqualität.

Vortrag der geladenen Sachverständigen Prof. Lucia Reisch
Thesenpapier des geladenen Sachverständigen Prof. Friedhelm Hengsbach SJ

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