Gastkommentar von Thomas Oppermann im Handelsblatt

Die gesetzliche Frauenquote wird in Deutschland einen kulturellen Wandel einleiten, meint SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann. Frauen werden in Führungspositionen sichtbarer und Vorbild für viele andere Frauen sein. Damit werde auch die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern selbstverständlicher.

In den nächsten Jahren werden wir über 6 Millionen Arbeitskräfte in Deutschland verlieren. Wollen wir unsere Wirtschaftskraft erhalten, müssen wir deshalb alle Potenziale mobilisieren. Wir werden mehr Einwanderung brauchen, wir müssen Arbeitslose und Bildungsverlierer qualifizieren und wir müssen die Frauenerwerbstätigkeit erhöhen. Denn wir sind nicht machtlos gegenüber dem demographischen Wandel: Zwei Millionen Vollzeitarbeitsplätze könnten wir besetzen, wenn wir das Arbeitsvolumen von Frauen in Deutschland auf das Niveau der Frauen in Schweden erhöhen würden.
Mit der Frauenquote zeigen wir den Frauen in Deutschland, dass ihr Engagement am Arbeitsmarkt gewollt ist und sich für sie auch lohnt. Dieses Signal brauchen wir als schrumpfende Gesellschaft dringender denn je. Andernfalls verschwenden wir auch ein gutes Stück unseres Wohlstandes.

Frauen sind in den Spitzenpositionen der deutschen Wirtschaft die Ausnahme: In den DAX-30- Unternehmen waren zuletzt 14 von 188 Vorstandsämter mit Frauen besetzt. Das entspricht einem Anteil von gerade einmal 7 Prozent. In Worten: sieben Prozent!
Dabei stehen seit Jahrzehnten ausreichend hochqualifizierte Frauen in Deutschland zur Verfügung. Seit einiger Zeit machen Frauen sogar häufiger Abitur als Männer. Sie beginnen häufiger ein Studium und schließen ihr Studium häufiger erfolgreich ab. Selbst vor 20 Jahren, als die heutige Führungsgeneration ausgebildet wurde, lag der Anteil der Hochschulabsolventinnen bereits bei über 40 Prozent, und das auch in den Rechts-, Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Die Frage sei also erlaubt, warum im Jahre 2015 gerade einmal 19 dieser hochqualifizierten Frauen in den Top-Führungsetagen der deutschen Wirtschaft angekommen sind. Was für eine gigantische Ressourcenverschwendung, die wir uns seit Jahrzehnten leisten! 

Mit der gesetzlichen Frauenquote setzt die Große Koalition das Signal, dass Frauenkarrieren vom Ausnahmefall zur Normalität werden sollen. Unsere Gesellschaft zeigt damit: Wir wollen, dass Frauen auch in wichtigen wirtschaftlichen Entscheidungspositionen vertreten sind. Das wird uns gut tun! Denn diese gesetzliche Intervention wird eine „kritische Masse“ an Frauen in die Führungsgremien der deutschen Wirtschaft bringen, die unsere Kultur verändern wird. Nur wenige Frauen werden unmittelbar von der Quote profitieren, aber diese werden dazu beitragen, das Rollenverständnis zu verändern. Frauen werden in Führungspositionen sichtbarer. Sie werden als Vorbilder für viele andere Frauen eine Anziehungskraft entfalten. Die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen Frauen und Männern wird selbstverständlicher.

Wir werden mit der Einführung der Quote auch strukturelle Hemmnisse wie die Unvereinbarkeit von Mutterschaft und Karrieren entschlossener angehen müssen. Dem quantitativen Ausbau der Kinderbetreuung muss der qualitative folgen. Aktive Elternschaft für Frauen und Männer darf kein Karrierehindernis sein.
Aber auch die Karrierekultur in Unternehmen muss sich ändern. Die Frauen, die es bisher in die Vorstandspositionen schafften, mussten als Einzelkämpferinnen eine Vielzahl struktureller Hemmnisse überwinden. Welch hohen Preis sie teilweise dafür zahlen mussten, hat die Ex-Siemens Vorstandsfrau Brigitte Ederer kürzlich beeindruckend offen thematisiert.

Sicherlich müssen wir auch tradierte Karrierestandards wie überlange Arbeitszeiten und Präsenzkulturen überdenken. Das merken die Unternehmen jetzt schon im Wettbewerb um die besten Nachwuchsführungskräfte: Angebote zur Vereinbarkeit von Karriere und Lebensqualität/Beruf und Familie sind in der heutigen AbsolventInnengeneration neben den Entwicklungsmöglichkeiten wichtigster Faktor bei der Wahl des Arbeitgebers.

Die Frauenquote wird Deutschland verändern: Unsere Gesellschaft wird mit mehr Frauen in Führungspositionen weniger segmentiert sein. Sie wird offener, wettbewerbsfähiger und moderner. Diese Durchlässigkeit und Diversität in den Unternehmen kann auch ein Signal an die Migrantinnen und Migranten in Deutschland sein: Deutschland ist eine offene Gesellschaft. Diese Offenheit brauchen wir, wenn wir erfolgreich bleiben wollen.