Interview mit Andrea Nahles in "fraktion intern"

Viele machen sich Sorgen, dass die digitale Entwicklung ihren Arbeitsplatz überflüssig macht, sagt Andrea Nahles. Die SPD-Fraktionsvorsitzende ist überzeugt: „Wenn wir es gut machen, können wir die Veränderung so gestalten, dass alle mitgehen können - das ist eine Kraftanstrengung, aber auch eine große Chance.“

Viele Beschäftigte sehen die Digitalisierung als Chance, selbstbestimmter und flexibler zu arbeiten. Andere befürchten, mit den Anforderungen nicht Schritt zu halten oder den Job zu verlieren. Ist der digitale Wandel der Arbeitswelt eher Chance oder Risiko?

Ich glaube, beides ist richtig. Natürlich machen sich viele Sorgen, dass die digitale Entwicklung ihren Arbeitsplatz überflüssig macht. Aber es werden auch neue Jobs entstehen.  Ich bin überzeugt: wenn wir es gut machen, können wir die Veränderung so gestalten, dass alle mitgehen können - das ist eine Kraftanstrengung, aber auch eine große Chance.

Welchen Beitrag kann Politik leisten, damit der digitale Wandel tatsächlich zu mehr Selbstbestimmung der Arbeitnehmer führt?

Wir müssen sicherstellen, dass die Chancen der Digitalisierung für beide Seiten gelten – für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Wir wollen die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Wandel der Arbeitswelt nicht allein lassen, sondern sie begleiten und Angebote schaffen zur Qualifizierung und Weiterbildung. Thorsten Schäfer-Gümbel hat dazu gerade ein sehr interessantes Buch geschrieben. Natürlich sind die Unternehmen selbst gefragt, aber auch eine starke Sozialpartnerschaft und die Bundesagentur für Arbeit wird ein wichtiger Partner sein in diesem Prozess.

Wie können die Beschäftigten an der Gestaltung des Wandels beteiligt werden? Welche Rolle spielen Mitbestimmung und Tarifbindung?

Nur gemeinsam können wir den Wandel erfolgreich  gestalten, ohne Mitbestimmung wird es nicht funktionieren. Auch die Gewerkschaften sind gefragt, sich an diesem Prozess zu beteiligen. Es steht außer Frage: gerade wegen der Mitbestimmung und der starken Sozialpartnerschaft steht Deutschlands Wirtschaft im internationalen Vergleich seit Jahrzehnten so gut da. Wir wollen die Mitbestimmung ausbauen und die schwindende Tarifbindung wieder stärken. Die SPD-Fraktion ist übrigens die einzige, die hier eine ganz klare Linie pro Mitbestimmung und Tarifbindung vertritt.

Arbeit verändert sich schneller, weil Innovationszyklen kürzer werden und Wissen schneller veraltet. Wie können Arbeitnehmer unterstützt werden, bei dieser Entwicklung mitzuhalten?

Die Vorstellung, dass ich nach einer Ausbildung den erlernten Beruf ein Leben lang ausfüllen kann, entspricht immer weniger dem gelebten Arbeitsalltag. Lebenslanges Lernen erfordert von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern eine Menge Einsatz. Den Rahmen und die Möglichkeit dazu müssen die Arbeitgeber – und zwar im eigenen Interesse – stellen. Die Erfahrung zeigt, dass es am besten gelingt, wenn dies auf Augenhöhe mit den Beschäftigten und starken Betriebsräten angepackt wird.

Die SPD-Bundestagsfraktion will die Arbeitslosenversicherung zu einer Arbeitsversicherung weiterentwickeln. Was erhoffen Sie sich davon?

Mit der demographischen Entwicklung verändert sich auch der Arbeitsmarkt deutlich. In den nächsten Jahren scheiden Millionen Arbeitnehmer aus dem Erwerbsleben aus, schon heute ist der Fachkräftemangel an vielen Stellen spürbar. Wir wollen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer frühzeitig beraten und qualifizieren, bevor sie arbeitslos werden. Idealerweise kommt es dann erst gar nicht dazu.

Als Arbeitsministerin haben Sie vorgeschlagen, junge Erwerbstätige mit einem „Persönlichen Erwerbstätigenkonto“ auszustatten. Was hat es damit auf sich?

Die Idee ist, jeder und jedem ein Startguthaben ins Arbeitsleben mitzugeben. Dieses  Chancenkonto stellt einen virtuellen Betrag zur Verfügung, um sich während seines Arbeitsleben immer weiter zu qualifizieren – und zwar gilt das für alle Altersgruppen.

Laptops und Smartphones machen mobiles Arbeiten möglich. Viele Arbeitnehmer erhoffen sich dadurch mehr zeitliche Flexibilität und eine bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Andere haben eher Sorgen, dass die Arbeit zu sehr in den Feierabend oder das Privatleben eindringt. Im Koalitionsvertrag ist vereinbart, einen rechtlichen Rahmen für mobiles Arbeiten zu schaffen. Was ist geplant?

Wir wollen die Potenziale der Digitalisierung nutzen für bessere Arbeit und mehr selbstbestimmtes Arbeiten. Klar ist: wir brauchen gesetzliche Regeln, die das ermöglichen, aber auch Grenzen, da wo nötig. Wir haben im Koalitionsvertrag verabredet, dabei die Möglichkeiten für Arbeitnehmer zu stärken, damit sie mobil und von zu Hause arbeiten können. Das wünschen sich nämlich viele, doch bisher kommen diesem Wunsch viele Arbeitgeber nicht nach. Künftig müssen die Arbeitgeber darlegen, warum das nicht möglich sein soll.

Wenn in der digitalisierten Wirtschaft auch neue Beschäftigungsformen jenseits des klassischen Normalarbeitsverhältnisses entstehen – müssen dann die sozialen Sicherungssysteme nicht völlig neu ausgerichtet werden?

Die Arbeitsmarktlage ist in vielerlei Hinsicht besonders gut, die Beschäftigung ist so hoch wie nie. Aber es gibt auch neue Herausforderungen. Wir müssen neue Ideen entwickeln, um allen Menschen in unserer Gesellschaft Bildungs- und Aufstiegschancen zu ermöglichen und Lebensleistung bei der sozialen Absicherung besser anzuerkennen. Viele unserer Ideen konnten wir bereits im Koalitionsvertrag verankern – die Grundrente etwa oder dass wir für Selbständige erstmals in der Geschichte den Weg in die sozialen Sicherungssysteme eröffnen. Aber die Debatte über die Zukunft der Arbeit und den Sozialstaat 2025 müssen und wollen wir Sozialdemokraten weiter führen.