Interview mit Andrea Nahles in der Bild am Sonntag

Andrea Nahles skizziert die Strategie der SPD für die Zukunft: die großen Fragen diskutieren und Antworten liefern, zum verlässlichen Partner in einer sich dramatisch wandelnden Welt werden und optimistisch sein.

Frau Nahles, liegen Sie nachts wach?

Nein, dafür bin ich viel zu müde.

Entweder retten Sie die SPD oder führen sie in den Abgrund der Bedeutungslosigkeit. Was ist wahrscheinlicher?

Die SPD zu retten ist unser aller Aufgabe. Ich bin bereit, Verantwortung zu übernehmen, aber alleine schaffe ich gar nix, das geht nur im Team. Und jeder, der am Mitgliederentscheid teilnimmt, hat es mit in der Hand, die SPD wieder zu neuer Stärke zu führen.

Das heißt, wer Nein ankreuzt, gefährdet die Partei?

Nein. Aber wir müssen uns ehrlich machen. Einige retten sich in die Idee einer CDU-geführten Minderheitsregierung. Denen sage ich: Leute, es gibt im Parlament eine rechte Mehrheit. da können wir nichts von unseren Inhalten durchsetzen, keinerlei Fortschritt für die Menschen erreichen. Das geht nur in der Regierung.

Hilft es, dass Gerhard Schröder für die GroKo wirbt?

Bei einigen.

Haben Sie ihn gebeten?

Nein, aber es ist sein gutes Recht als SPD-Mitglied zu sagen, wie er abstimmen wird.

Wie sicher sind Sie, dass die SPD-Mitglieder der GroKo zustimmen werden?

Ich bin optimistisch, aber es kommt auf jede Stimme an. Ich möchte die Genossen und Genossinnen nicht nur überreden, sondern überzeugen. Ich möchte die Partei zusammenführen, nicht spalten. In unserem Verfahren wird jeder ernst genommen. Jedes Argument wird gehört. Das ist eine Sternstunde der innerparteilichen Demokratie. Das lasse ich mir von keinem Chefredakteur der Welt kaputtreden.

Finden Sie es fair, dass den Abstimmungsunterlagen nur Argumente für die GroKo beiliegen?

Wir haben als Parteivorstand eine klare Position, dafür sind wir gewählt. Es ist unsere Aufgabe, dass wir der Partei eine Empfehlung aussprechen. Richtig ist: Die Jusos bekommen auf jeder Veranstaltung Raum. Sie sind in der Parteizeitung Vorwärts, die an alle Mitglieder ging, ausführlich zu Wort gekommen. Von den Kritikern der Großen Koalition wird gerade sehr viel über Verfahren geredet. Ich streite lieber über die Sache und die guten Erfolge, die im Koalitionsvertrag stecken. Ich finde, wir machen das demokratischste Verfahren, dass derzeit auf dem Parteienmarkt angeboten wird. Das zu ermöglichen, kostet uns eine große Stange Geld, das ist aber gut investiert.

Sie haben als designierte Parteichefin einen neuen Stil versprochen. Warum diskutieren Sie dann nicht mit Kevin Kühnert zusammen vor der Basis?

Die jeweiligen Landesvorsitzenden der Jusos sind bei jeder Regionalkonferenz mit auf der Bühne. Ich war selbst mal Juso-Bundesvorsitzende und habe keine Berührungsängste. In der Frage des respektvollen Umgangs miteinander müssen wir uns ganz sicher nicht verstecken.

Die SPD liegt in Umfragen bei 17 Prozent. Ist es nur noch die Angst vor den Neuwahlen, die die Mitglieder zu einem Ja bringt?

Nein. Ich erlebe, dass solche taktischen Argumente sogar eher auf Ablehnung stoßen. Überzeugen kann ich hingegen damit, dass wir endlich die Pflegesituation verbessern – für die Pflegenden bei den Löhnen als auch für die Gepflegten bei der Betreuung –, für Langzeitarbeitslose einen sozialen Arbeitsmarkt schaffen, eine Grundrente einführen, für die, die ein Leben lang gearbeitet haben. Wir entlasten Familien und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer deutlich. Und wir konnten endlich durchsetzen, dass der Bund Geld in die Schulen stecken darf. Wir geben 11 Milliarden Euro für Bildung aus. Alleine dieser Durchbruch hat viele unserer Mitglieder überzeugt.

Wie gefährlich wären Neuwahlen für die SPD?

Natürlich würden Neuwahlen aktuell nicht leicht für uns. Aber von düsteren Drohungen, was bei Neuwahlen passiert, halte ich nichts.

Was machen Sie, wenn es schief geht? Gibt es einen Plan B?

Wir haben keinen Plan B in der Schublade, sondern kämpfen mit Herzblut für ein Ja.

Was wird dann persönlich aus Ihnen?

Mein persönliches Schicksal verbinde ich ausdrücklich nicht mit dem Ausgang des Mitgliederentscheids. Die Zeiten von indirekten Drohungen sind vorbei.

War der öffentliche Umgang der Parteispitze miteinander zuletzt einer Partei angemessen, die die Solidarität hochhält?

Wir haben in der Parteiführung alle gemeinsam einen Fehler gemacht. Wir haben die Wucht an der Basis unterschätzt, die ein geplanter Wechsel von Martin Schulz ins Außenministerium ausgelöst hat. Es war bitter für Martin Schulz, aber er hat die Konsequenzen daraus gezogen.

Haben Sie noch Kontakt mit ihm?

Natürlich. Fast jeden Tag - wir stehen in freundschaftlichem und vertrauensvollem Austausch..

Gilt Ihre Feststellung des fairen Umgangs auch für Sigmar Gabriel?

Er hat seine Äußerungen bedauert, darüber ist genug gesprochen worden.

Vertrauen Sie Sigmar Gabriel?

Warum sollte ich ihm nicht vertrauen? Ich vertraue allen unseren Ministerinnen und Ministern, sie machen gute Arbeit für die Menschen und für unser Land.

Ist die Freilassung des Welt-Journalisten Deniz Yücel Gabriels Erfolg?

Ja, da hat Sigmar Gabriel mit viel persönlichem Einsatz einen großen Erfolg erzielt. Ich freue mich sehr über die Freilassung von Deniz Yücel!

Ist Gabriel einer der Kandidaten für das Amt des Außenministers?

Über das künftige Kabinett entscheiden wir, wenn uns die Mitglieder dafür den Auftrag gegeben haben.

Was heißt wir?

Olaf Scholz und ich werden der Parteiführung einen Vorschlag machen, über den wir dann gemeinsam entscheiden.

Was ist Ihr Ziel für 2021?

Wir müssen als SPD wieder die großen Fragen diskutieren und Antworten liefern, wir müssen zum verlässlichen Partner in einer sich dramatisch wandelnden Welt werden. Wer den Menschen soziale und innere Sicherheit bietet, kann Wahlen gewinnen. Wenn wir das mit Zukunftsoptimismus verbinden, kann es uns gelingen, 2021 wieder stärkste Kraft zu werden.

Die CDU bekommt mit Annegret Kramp-Karrenbauer eine neue Generalsekretärin.

Respekt, dass Frau Merkel ihre Nachfolge so geräuschlos geregelt hat.

Sind Sie neidisch, dass die personelle Erneuerung in der CDU so harmonisch klappt?

Nein. Auch in der CDU machen sich viele Sorgen um die Identität der Partei. Auch die Union hat kräftig verloren bei der letzten Wahl  und nun sitzt die AfD als Konkurrentin im Bundestag. Ich glaube, dass wir in der SPD inhaltlich viel geschlossener sind. Wenn wir jetzt unsere personelle und inhaltliche Erneuerung in die Tat umsetzen, haben wir allen Grund, selbstbewusst in die nächsten Jahren zu gucken.

Warum übernehmen in der Politik gerade die Frauen die zentralen Posten?

Ich glaube nicht an die Trümmerfrauentheorie. Aber die Menschen erwarten in der modernen Gesellschaft einen anderen Führungsstil. Dazu gehört, integrativer zu sein, auf die Lebensumstände anderer Rücksicht zu nehmen, nicht immer alles besser zu wissen, sondern gemeinsam nach der besten Lösung zu suchen. Das liegt Frauen näher. Natürlich können auch Männer so führen. Aber der alte testosterongeprägte, autoritäre Führungstyp ist nicht mehr zeitgemäß.

Sie sind alleinerziehende Mutter einer siebenjährigen Tochter. Wie sehr müssen Sie Ihr Leben jetzt umkrempeln?

Momentan ist es brutal, weil ich ständig unterwegs bin in allen Teilen der Republik, um für den Koalitionsvertrag zu werben. Nach dem Mitgliedervotum werde ich versuchen, viele Termine auf das Papa-Wochenende zu bündeln und an Mama-Wochenenden möglichst viel Zeit zu haben. Alleine wäre das nicht zu stemmen, das ist klar. Bevor ich mich entschlossen habe, für den Parteivorsitz anzutreten, habe ich  mich mit meiner Familie und Ellas Vater beraten. Gemeinsam schaffen wir ein stabiles Umfeld für Ella. Ihr geht es gut - aber mir blutet manchmal mein Herz, wenn ich nicht da sein kann. So wie es vielen berufstätigen Müttern (Eltern) ergeht. Das kann mir niemand abnehmen.