Helge Lindh, dauererreichbar in den Bundestag

Das hätte auch nach hinten losgehen können: Der neue SPD-Abgeordnete Helge Lindh aus Wuppertal hat im Bundestagswahlkampf seine echte Handynummer veröffentlicht und eingesetzt. Was passierte und was Lindh nun vorhat, lesen Sie hier.

Es war am Wahlabend am 24. September letzten Jahres, als wieder einmal das Handy von Helge Lindh klingelte. Am anderen Ende waren die Mitglieder einer WG. Sie hatten Wind von seiner Aktion bekommen, ihn direkt anrufen zu können. Jetzt hatten sie einige Fragen an ihn. Die Wohngemeinschaft lebte nicht weit weg, Helge Lindh fuhr los. „Wir haben dann eine kleine WG-Party gemacht – nachts. Das war schon klasse“, erzählt Lindh.

Solche Aktionen waren für den jungen Abgeordneten im Wahlkampf nicht unüblich. Denn der 41-jährige Germanist aus dem Wahlkreis Wuppertal I hatte sich für eine riskante Maßnahme für den Bundestagswahlkampf entschieden: seine echte Handynummer zu veröffentlichen und offensiv einzusetzen. Er ließ sie auf riesige Plakate und Banner drucken und überall im Wahlkreis aufhängen. Lindh: „Ich wollte bewusst erreichbar sein, ich wollte von den Menschen unmittelbar hören, was ihnen am Herzen liegt und wo ich helfen könnte“.

Sein Angebot wurde nicht nur stark angenommen, sondern war sicher auch Mitgrund, dass Helge Lindh ein sehr erfolgreiches Wahlergebnis erzielt und nun im September zum ersten Mal als Abgeordneter in den Bundestag eingezogen ist. Klar, es gab auch Nonsens-Anrufe, und bei vielen sei erstmal Misstrauen gewesen, ob er denn wirklich der echte Lindh ist und es ernst meint. Doch schnell sei das Misstrauen positiver Überraschung gewichen, als er zum Beispiel zurückrief – „auch am Abend oder Morgen“.

Die Fragen, erzählt Lindh, hätten sich um Behördenprobleme gedreht, um persönliche Schicksale, aber am meisten darum, was er denn für die Stadt und die Region bewegen wolle.

Selbst SPIEGEL ONLINE wurde auf den "Dauererreichbaren", wie das Portal ihn nannte, aufmerksam und drehte einen Videoblog über ihn.

Eigene Radiokolumne

Aber auch Facebook spielte in seinem Wahlkampf eine große Rolle. „In den letzten zwei Wochen vor der Wahl habe ich 15 Videos dort veröffentlicht, meist zu lokalen Themen.“ Das Ziel: eine junge Zielgruppe ansprechen. Was auch gelungen sei. Ganz auf klassische Infostände hat auch Helge Lindh nicht verzichtet, „aber prägender waren die sozialen Netzwerke“, sagt er.

Auf die Nähe zu den Menschen will er nicht verzichten, so hat er zum Beispiel bei einem lokalen Radiosender eine Kolumne, in der er die Rolle und die Arbeit eines Abgeordneten mit all ihren Herausforderungen beschreibt.

Im Bundestag will er sich insbesondere mit Asyl- und Migrationspolitik befassen, aber auch die Sozialpolitik liegt Lindh am Herzen. „Bei Langzeitarbeitslosen müssen wir unbedingt etwas tun, um den Betroffenen zu helfen“, sagt er. Auch der oft prekären Situation der Kulturschaffenden will er sich annehmen.

Und – ist die Handynummer denn noch aktuell und erreichbar? Lindh lacht: „Na klar, 0172/9533969“.

Alexander Linden