Die Einschätzung eines Interessenverbandes allein stellt kein Gesamtbild des Ausbildungsmarktes dar und sollte auch nicht so dargestellt werden. Die Fakten liegen auf dem Tisch und sind auch für Journalisten recherchierbar: Derzeit sind bundesweit rund 50.000 Bewerber mehr auf der Suche, als es offene Ausbildungsplätze gibt. Statt der schon zur jährlichen Tradition gewordenen Meldung des DIHK einer "Planübererfüllung" im Handwerk auf den PR-Leim zu gehen, sollten auch hier die Daten nicht kontextfrei in die Welt geblasen werden. Die SPD-Bundestagsfraktion fordert daher Bildungspolitik und Wirtschaft auf, den "Schönfärbern" nicht zu folgen, sondern in ihren Anstrengungen nicht nachzulassen.
Nüchtern betrachtet ist das Wachstum bei den Verträgen im Handwerk von 1,8 Prozent erfreulich, aber mitnichten ein "Boom". Letztes Jahr zum gleichen Zeitpunkt musste ein Rückgang von 5,1 Prozent festgestellt werden. Und auch 15.000 offene Stellen sind angesichts der Gesamtzahl von rund 150.000 derzeit saisongemäß offener Ausbildungsplätze alles andere als eine Trendwende. Besondere lokale Entwicklungen etwa im Osten sollten nicht als Gesamttrend missverstanden werden. Auch im Handwerk ist also lediglich ein zögerliches Annähern an die Ausbildungsintensität von vor der Krise festzustellen, ohne dass sie bisher erreicht wird.
Gerade in Zeiten sinkender Schulabsolventenzahlen müssen Wirtschaft und Politik sich verstärkt um diejenigen kümmern und sie in eine qualifizierende Ausbildung bringen, die bisher keine Chance bekommen haben. Die Zahl der Schulabbrecher steigt wieder an, die Benachteiligung insbesondere von jungen Menschen mit Migrationshintergrund ist ungebrochen und weiterhin haben rund 1,5 Millionen Menschen über 20 Jahre keinen Berufsabschluss. Wenn man diejenigen noch hinzunimmt, die erst einmal in Warteschleifen geschickt werden, dann wird die Angebotslücke noch größer. Und sie ist für zahlreiche junge Menschen und für ihre Mütter und Väter harte alltägliche Realität.
Die Demografie allein wird keine Entspannung auf dem Ausbildungsmarkt leisten können. Der anstehende Ausbildungspakt III kann nur erfolgreich sein, wenn er dieses nüchterne Gesamtbild berücksichtigt und entscheidende Maßnahmen für die bessere Ausnutzung unserer Bildungspotenziale vereinbart.