Interview mit Andrea Nahles mit Stern

Andrea Nahles spricht im Interview mit dem Stern über die Erneuerung der SPD, ihre Kämpfernatur und weshalb der Koalitionsvertrag mit der Union ein Signal des Fortschritts ist.

Frau Nahles, „Die Trümmerfrau“ überschrieb der stern 2005 ein Porträt über Sie, zwei Jahre später hieß die Zeile „Der letzte Mann der SPD“. Beides konnten Sie vorige Woche immer wieder über sich lesen. Nehmen Sie das als Kompliment?

Trümmerfrau finde ich anmaßend gegenüber den wirklichen Trümmerfrauen nach dem Krieg. Außerdem ist die SPD nicht zertrümmert. Über den „letzten Mann“ hat sich meine Mutter fürchterlich aufgeregt. Dann haben mir alle möglichen Leute versucht zu erklären, das sei ein Kompliment. Mittlerweile bin ich gewillt, es so zu sehen.

Rudolf Scharping, Kurt Beck, jetzt Martin Schulz – gerade die pfälzischen und rheinischen Vorsitzenden der SPD sind krachend gescheitert. Erklären Sie uns, warum das bei Ihnen anders sein sollte!

Tja, vielleicht weil ich aus der Vulkaneifel komme. Wir sind dort dünne Erdkruste gewohnt. Der Boden, auf dem wir stehen, ist nur halb so dick wie im deutschen Durchschnitt. Außerdem war ich von Anfang an Bundespolitikerin. Da gibt es eine eigene Mechanik der Macht, ich kenne die Berliner Gewässer. 

Kein Gewässer. In eine „Schlangengrube“ sei ihr Bruder geraten, sagt Martin Schulz´ Schwester.

Ich habe zum Berliner Politbetrieb eine ganz entspannte Haltung. Es haut mich nicht mehr aus den Latschen, wenn ich etwas Schlechtes über mich in der Zeitung lese. Zumindest trifft es mich nicht so wie jemanden, der aus einem etwas ruhigeren Umfeld nach Berlin kommt.

Sie haben ein dickes Fell angelegt?

Könnte man so sagen – trotzdem tut manches auch weh. Aber es wirft mich nicht aus der Kurve.

Franz Müntefering nannte den SPD-Vorsitz „das schönste Amt neben Papst“, sogar für Gerhard Schröder war es „was Heiliges“. Haben Sie Bammel?

Respekt ja, Bammel nein. Ich habe in den letzten Tagen beim Einschlafen zwar manchmal gedacht: Mensch, warum tust Du dir das immer wieder an. Aber das habe ich schon in der Schule gemacht. Diese Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, habe ich von zu Hause mitbekommen. Das hilft mir, auch vor einer solchen Aufgabe nicht ehrfürchtig zu erstarren. Außerdem bin ich ja nicht allein, sondern mit engagierten Leuten zusammen, mit denen ich mir seit Jahren die Köpfe heiß rede, was wir besser machen müssen. So, jetzt müssen wir als Team halt liefern. Und zu allererst muss ich ja nun auch noch gewählt werden … 

Der Vorsitz war immer Ihr Ziel.

Nicht ganz. Ein Amt, das ich mal wirklich angestrebt habe, war Arbeitsministerin. Das erschien mir erreichbar, wenn ich gut und hart genug dafür arbeite. SPD-Vorsitzende zu werden, das wäre außergewöhnlich und eine große Ehre. 

Vor zehn Jahren sagte Angela Merkel einmal: „Manchmal weiß man gar nicht mehr, wen man morgens anrufen muss – den Übergangsvorstand oder gleich Frau Nahles.“

Das hat sie gesagt?

Ja. Warum hat es zehn Jahre gedauert, bis Sie es tatsächlich werden?

Was mich betrifft, so ist jetzt die richtige Zeit. Es ist allerdings nicht schmeichelhaft für die SPD, dass es 154 Jahre gebraucht hat, bis eine Frau an die Spitze kommt.

„Die kann Partei“, Franz Müntefering über Andrea Nahles. Was heißt das? Besser stricken können als Martin Schulz reicht nicht, oder?

Die SPD ist eine Partei, die man mögen muss. Sie ist eine Mischung aus gelegentlicher Verzagtheit und mutigem Zukunftsoptimismus, sie besitzt die Bereitschaft, Verantwortung für das Ganze zu übernehmen und für die Demokratie Opfer zu bringen. Man muss Zeit investieren. Das habe ich gemacht. Im Oktober bin ich 30 Jahre in der Partei. Ich kenne die SPD. Allerdings ist man nicht gefeit davor, immer wieder überrascht zu werden. Das habe ich die letzten Wochen wieder gemerkt.

Der Zorn auf die Große Koalition. Der unsichere Mitgliederentscheid. Der Rücktritt von Schulz als Parteichef. Das Theater um den Posten als Außenminister. Führende Genossen sagen, die SPD stand kurz vor der Kernschmelze.

Wir hatten erhebliche Differenzen zwischen Teilen der Basis und der Führung, ja. Auch Kritik kann ich gut nachvollziehen. Aber die Turbulenzen der letzten Monate schlagen sich ja nicht nur in der SPD nieder. Die Jamaika-Wende hat überall Glaubwürdigkeit aufgezehrt. In der Union ist auch eine Menge los. Das Parteiensystem ist im Umbruch. Übrigens in ganz Europa, und in vielen Ländern ist das für sozialdemokratische Parteien teils übel ausgegangen. Wir haben jetzt hier noch die Chance, auf der Schussfahrt zu wenden. Dazu müssen wir uns aber darauf konzentrieren, gut zu regieren und Antworten auf die dramatischen Veränderungen im digitalen Kapitalismus zu geben. 

Schöne Führungsaufgabe!

Definitiv. Da gedenke ich auch, mein Herzblut reinzustecken. Wir dürfen uns nicht ins Klein-Klein flüchten. Ich habe bei den Koalitionsverhandlungen durchgesetzt, dass die Belegschaftsgröße, in denen vereinfachte Betriebsratswahlen vorgeschrieben sind, von 50 auf 100 angehoben wird. Das war harte Verhandlungsarbeit, das freut mich auch. Aber so wichtig jede einzelne Verbesserung ist, so richtig ist auch: Wir müssen uns größere Fragen zumuten. Wie reagieren wir auf den chinesischen Staatskapitalismus auf der einen Seite? Auf die Konzerne im Silicon Valley mit ihren zutiefst undemokratischen und wettbewerbsfeindlichen Monopolstrukturen auf der anderen? Das stellt unser gesamtes Gesellschaftsmodell infrage.

Was dachten Sie, als Sie die Umfrage bekamen: SPD 16 Prozent?

Ich war nicht besonders überrascht. Woher sollten bessere Werte denn kommen – bei unserer Performance. Aus dem Tal kommen wir aber raus. Unsere neue Aufstellung ist Grundlage für eine neue Stabilität. Wenn wir die erreichen, ist ein erster wichtiger Schritt getan. Zudem ist der Koalitionsvertrag gut, die Inhalte tragen sozialdemokratische Handschrift.

Achtung, der Werbeblock!

Ja, ich werbe mit den Inhalten, denn da steckt wirklich viel Fortschritt drin. Wir entlasten Arbeitnehmer und Familien. Die Renten steigen künftig wieder genauso wie die Löhne. Das gesetzlich garantierte Rentenniveau heben wir von 43 auf 48 Prozent an. Das Sofortprogramm in der Pflege bringt 8.000 zusätzliche Pflegekräfte. Die sachgrundlosen Befristungen werden um 400.000 reduziert. Endlose Kettenbefristungen werden abgeschafft. Wir kümmern uns darum, dass Langzeitarbeitslose im sozialen Arbeitsmarkt integriert werden. Wir investieren massiv in Schule und Bildung, ändern dafür sogar das Grundgesetz. Das ist alles SPD pur.

Und kostet viel Geld. Sie wollen bei den Wählern verloren gegangenes Vertrauen zurückkaufen.

Das ist Quatsch. Es ist das Geld der Wählerinnen und Wähler, wir haben Haushaltsüberschüsse, und wir investieren das Geld so, dass wir damit das Leben der Menschen Schritt für Schritt verbessern. Auch auf unseren Regionalkonferenzen bestreitet kaum einer, dass wir Gutes erreicht haben, da geht es viel stärker um die Zukunft der SPD. Die Debatte dreht sich nicht so sehr um Details, sondern um die Frage: Kriegen wir das hin? Das Misstrauen gegenüber der Union ist sehr groß.

Und, was antworten Sie?

Seid nicht so verzagt. Das ist eine gute Gelegenheit, wieder in die Vorhand zu kommen. Frau Merkel ist nicht mehr die Frau Merkel von 2013. Sie steht intern mächtig unter Druck: Der aufstrebende Unionsnachwuchs ist auf Rechtskurs, die Männer fühlen sich übergangen, die Konservativen vernachlässigt. Ich glaube, unsere Chancen bei den nächsten Wahlen steigen.

Olaf Scholz träumt bereits wieder von 30 Prozent. Geht´s noch?

Das ist gar nicht so verwegen. Wir haben vier Jahre Zeit. Momentan wirken viele von uns vielleicht wie eine Ansammlung von extrem routinierten und professionellen Regierungspolitikmachern. Wie ein rundgeschliffener Kiesel. Aber die Leute müssen sich auch an uns reiben können, in einem guten Sinne, wir müssen ihnen wieder die Möglichkeit geben, sich emotional bei uns zu Hause zu fühlen. Die SPD muss wieder mehr von einem Basalt haben als von einem Rheinkiesel.

Sie gehören zum System der Rundgeschliffenen. Wie wollen ausgerechnet Sie die SPD erneuern?

Ich verstehe das System, aber ich bin auch immer angeeckt. Und ich habe mir die Leidenschaft für die Sache erhalten. Ich will konkret den Alltag der Menschen verbessern. Das ist mein Ansporn. Gleichzeitig versuche ich, grundsätzliche Debatten zu führen, auf gesellschaftliche Veränderungen Antworten zu finden. Müntefering hat immer Herbert Wehner zitiert: Passt auf, dass ihr nicht austrocknet. Da kann ich guten Gewissens sagen: Das ist mir nie passiert.

Diskurse anstoßen, Profil schärfen, mehr Basalt als Kiesel sein – die innerparteilichen Gegner der Großen Koalition zweifeln, dass das in der Regierung geht.

Ich gehe bewusst nicht in die Regierung. Die SPD wird in der Regierung sein – hoffe ich jedenfalls. Partei und Fraktion formulieren die Positionen der SPD. Das ist ein Kraftzentrum jenseits der Regierung, eine eigenständige Rolle, die wir hoffentlich stärker herausstellen, mit Partei- und Fraktionsvorsitz in einer Hand. Damit schaffen wir neben der Regierungsarbeit auch breiten Raum für die Erneuerung der Partei und das Entwickeln neuer Ideen. 

Sie erfüllen als Person den Traum vieler Genossen, beides haben zu können – Regierung und Opposition?

Nein. Wir brauchen beides, einen visionären Anspruch und eine kluge Alltagspolitik. Ich gehe nicht in die Regierung, um sie nach zwei Jahren platzen zu lassen. Verlässlichkeit gehört auch zu dem Projekt. Die Leute wollen das Land ja nicht in die Hand von Hasardeuren geben. Trotzdem muss daneben genug Power übrig bleiben, um Ideen zu kreieren und Zukunftsfragen zu beantworten. Den Raum dafür muss die Parteivorsitzende schaffen. Schauen Sie sich die Weltlage an und auch Europa: Wir brauchen eine neue Europapolitik, und wer hätte da mehr in petto als die SPD.

Es wird in den kommenden vier Jahren also eine Arbeitsteilung geben. Vizekanzler und Finanzminister Olaf Scholz… 

Das kann ich nicht bestätigen.

Schon klar. Der Vizekanzler sorgt dafür, dass gut regiert wird, Sie sind zuständig für die Visionen?

Ohne Arbeitsteilung ginge es nicht. Für die Zukunft der SPD ist es wichtig, dass wir in der Führung im Team arbeiten. Und eben auch, dass führende Leute nicht regieren. Deshalb bin ich aus der Regierung ausgetreten. Und ich regiere wirklich gerne.

Wie groß ist die Angst überhaupt noch, beim Mitgliederentscheid „eins in die Fresse“ zu kriegen? Sorry, das musste jetzt.

Ich bin optimistisch. Man muss intensiv argumentieren, dann dreht sich bei vielen was. Aber ich möchte die Mitglieder auch innerlich mitnehmen und überzeugen.

Damit sie nicht bei nächster Gelegenheit wieder auf Anti-Regierungs-Kurs gehen?

Mein Ehrgeiz ist, sie zu überzeugen, dass diese Regierung eine Chance ist für die SPD, mit der Kombination: Machtzentrum jenseits der Regierung, personelle Erneuerung, neue Teamlogik an der Spitze. Da vertrauen sie mir auch. Ich bin nicht der breitbeinige Typ, der alles besser weiß.

Sie wollen, dass die Mitglieder „Ja, ich will“ sagen statt: „Ja, ich muss“?

Genau dafür kämpfe ich.

Imponiert Ihnen Kevin Kühnert?

Er hat die Jusos wieder zu einem relevanten Faktor gemacht. Das ist ein Verdienst. Das ist auch wichtig für die SPD. Aber imponieren? Nein.

Erinnert er Sie nicht ein wenig an die junge Andrea Nahles?

Nein. Er zieht sein Ding durch, aber seine Argumentation überzeugt mich nicht, weil nicht zu erkennen ist, wohin er eigentlich am Ende will. Auch ein Juso muss den ganzen Laden im Blick haben.

Sind Sie ein Alpha-Tier?

Ja.

Welche Männerspiele muss man beherrschen, um als Frau in der Politik mithalten zu können?

Ich kann nur allen Frauen raten: Knüpft eure eigenen Netzwerke – mit Männern und Frauen! Wer sich alleine durchkämpfen will, wird es umso schwerer haben. Männer bilden früh ihre Lobekartelle, arbeiten vernetzt und schaukeln sich gegenseitig hoch. Davon kann frau eine Menge lernen. Ich habe als Juso-Vorsitzende automatisch Netzwerke aufgebaut. In meiner Altersklasse, plus/minus fünf Jahre, kenne ich alle in der Politik. Das ist ein großes Pfund. Man kann und sollte sich nicht alleine auf die Reise machen.

Wir sitzen hier in einem Hotel im Sauerland. Es ist Sonntagmorgen, acht Uhr. Danach gehen Sie den ganzen Tag auf SPD-Tour. Sie haben eine sieben Jahre alte Tochter…

Die ist bei ihrem Papa. Es ist Papa-Wochenende.

Als Parteivorsitzende müssen Sie privat noch mehr Opfer bringen.

Ich wundere mich, dass Männern diese Frage nie gestellt wird. Über die Dimension der Aufgabe und die Entsagungen bin ich mir im Klaren. Das ist sehr anspruchsvoll. An Tagen wie heute geht es nicht anders. Man kann aber grundsätzlich familien-freundlicher agieren. Man muss es nur wollen. Ich will es auf jeden Fall. Ich habe auch ein paar Regeln geschaffen, um es leichter zu machen.

Welche?

Vor meiner Zeit begann im Arbeitsministerium beispielsweise die Morgenlage, die tägliche Besprechung mit den engsten Mitarbeitern, um acht Uhr. Die haben aber alle Kinder. Also habe ich gesagt: Wir machen das um Neun, dann können alle entspannt ihre Kinder in die Kita oder zur Schule bringen. Ich habe Heimarbeit eingeführt, Videokonferenzen. Ich gebe manche Interviews per Skype. In Schweden ist abends um 18 Uhr Schluss mit Politik, dann ist die Familie dran. Ist Schweden deshalb untergegangen?

Als ich losfuhr, traf ich auf der Straße einen Nachbarn. Ich erzählte, dass ich Sie treffen werde. Da kam es wie aus der Pistole geschossen: „Die Gewitterziege!“

Oje, das alte Bild! Ich war eben schon als Juso-Vorsitzende weit bekannt, und manche sind nicht bereit, den zweiten Blick zu wagen. Mit Verlaub, ich habe jetzt den siebten Nachfolger als Juso-Chefin. Ich habe mich weiterentwickelt und verändert, wie es jeder Mensch tun sollte, der nicht mehr 25 Jahre alt ist, sondern 47. Aber ich habe nicht das Ziel, allen zu gefallen. Dann wäre ich nicht mehr ich.