Dem internationalen Klimaprozess fehlt es an Dynamik. Die Ambitionen sind heruntergeschraubt. Die Stimmung in Cancún ist angesichts der wenigen greifbaren und absehbaren Ergebnisse erstaunlich gelassen. Die deutschen und europäischen Positionen sind zu wenig ambitioniert, als dass sie eine Dynamik entfalten könnten. Dazu zählt im Kern, dass sich Europa noch nicht auf ein neues Reduktionsziel von 30 Prozent verpflichtet hat. Deutschland wackelt hin und her. Mal dafür, mal dagegen, mal unentschieden. Röttgen dafür, Bundesregierung dagegen. Wer sich so verhält, kann natürlich keine Vorreiterrolle einnehmen.
Richtig problematisch ist die Rolle Deutschlands bei der Anrechnung von Wäldern auf die Reduktionsverpflichtung von Industrie. Problematisch ist sie auch bei der Entwicklung des Fonds, der letztlich das Geld sammeln soll, um Anpassungsmaßnahmen, Technologietransfer und Waldschutz zu finanzieren. Wer für die Einrichtung des Fonds bei der Weltbank eintritt, wie insbesondere Minister Niebel es tut, stößt den Entwicklungsländern abermals vor den Kopf und leistet dem Thema Vertrauensbildung einen Bärendienst.
Als hoch belastend für den internationalen Klimaprozess erweist sich weiterhin die Trickserei bei der Kurzfristfinanzierung. Wenn Deutschland in Cancún oder in Durban im kommenden Jahr irgendwie führend sein soll, müssen im nächsten Haushalt dringend wirklich "neue und zusätzliche" Gelder zur Verfügung stehen. Zehn Prozent Einhaltung von 100-prozentigen Versprechen reichen dann nicht mehr aus. Auch mit dem sogenannten Energiekonzept löst Deutschland auf internationalem Parkett keine Jubelstürme aus. Wenn man aus UN-Perspektive hinter manche durchaus ambitioniert daherkommende Zahlen guckt, dann fehlen die notwendigen Umsetzungsmaßnahmen.
Mit Cancún und nach Cancún muss der Paradigmenwechsel in der internationalen Klimapolitik eingeleitet werden. Der UN-Prozess ist und bleibt wichtig, manche Themen sind nur dort zu lösen. Aber der Klimaprozess braucht eine andere Sichtweise. Wer angesichts der wachsenden Herausforderungen auf den Langsamsten wartet, verliert. Deutschland und die EU sind gefordert aus eigener Überzeugung voranzugehen. Eine radikal andere Energiepolitik wäre auch ohne den Klimawandel notwendig und ist im Eigeninteresse. Die frage des 30-Prozent-Ziels in der EU muss im Frühjahr endlich gelöst werden und Deutschland muss dabei nicht hinterher kriechen, sondern die anderen ziehen. Das ist aber nach den Erfahrungen von Cancún und der Rolle eines eher mutlosen Bundesumweltministers gerade nicht absehbar.