In seiner Rede zur Trauerfeier des ehemaligen Berliner Regierenden Bürgermeisters Klaus Schütz lobte Frank-Walter Steinmeier dessen kluge und abwägende Weitsicht. "Er war einer der Architekten deutscher Außenpolitik".

Liebe Familie,
liebe Freunde von Klaus Schütz,
liebe Trauergemeinde!

Wir nehmen heute Abschied von einem Mann, dem wir nicht nur als Menschen viel zu verdanken haben.

Wir nehmen auch Abschied von einem Mann, dem unser Land Großes zu verdanken hat.

Die Erinnerungen der heute hier zu seinem Gedenken Versammelten und in Trauer Vereinten werden ganz unterschiedliche sein. Wenn ich an Klaus Schütz denke, fällt mir ein Photo ein, das viele von Ihnen kennen, das am 26. Februar 1969 in Berlin aufgenommen wurde.

Am Pult mit dem Siegel des Präsidenten der USA steht Richard Nixon, der Berlin fünf Wochen nach seinem Amtsantritt besuchte. Mitten in einer Zeit neuer bedrohlicher außenpolitischer Zuspitzungen, die auch in der aufgewühlten Gesellschaft Berlins ihre Schatten schlugen.

Neben Nixon der Regierende Bürgermeister von Berlin. Sein Kopf leicht geneigt, der Blick hinter der großen Brille auf das Manuskript des Präsidenten gerichtet-  als wolle er sich vergewissern, dass die angekündigte kurze Rede auch nicht zu lange dauern würde,vor alem frei bleiben würde von Missverständnissen! Auf seinem Gesicht liegt eine Mischung aus tiefem Ernst, Anspannung und einer gewissen Distanz.

Für mich zeigt dieses Photo Vieles von dem, wie ich Klaus Schütz kennen und schätzen gelernt habe:

Ein Mann, der sich seinen Aufgaben mit vollem Ernst und mit all seinen Gaben gestellt hat.

Der immer wusste, um was es geht.

Der sich und andere in die Pflicht nahm und nicht daraus entließ.

Der in schweren Zeiten seinen scharfen Verstand und sein weites Herz in den Dienst unseres Landes und in den Dienst internationaler Entspannungspolitik stellte.

Klug und abwägend und mit einer Weitsicht, die den Dingen auf den Grund gehen wollte.

Und dabei nie vergaß, dass es ihm zuvörderst um die Sache und nicht um die Eitelkeiten der jeweiligen Akteure ging.

Mit diesen Gaben ist Klaus Schütz einer der Architekten deutscher Außenpolitik gewesen. In Bonn, in seinem Berlin, in Israel.

Ein leidenschaftlicher Sozialdemokrat, dem die herrschenden Verhältnisse niemals gleichgültig geworden sind, der unter ihnen litt, sie verstehen, sie ändern wollte. Und die Verhältnisse, wo er konnte, auch verändert hat.

Dabei war er ein Mann der leisen Töne, der für die Lautsprecher und Politik-Darsteller – auch in den eigenen Reihen – wunderbar ironische Bemerkungen parat hatte.

Politik, so können wir von Klaus Schütz lernen, kann Herzenssache sein. Er würde sagen: Sie muss Herzenssache sein. Aber eben mit Herz, Hand und Verstand.

Diese Einstellung war sein Handwerkszeug, das er im Laufe seiner vielen Ämter und Aufgaben zur Anwendung brachte. Präzise, beharrlich, furchtlos und mit einer Portion Humor, der ausdrücken konnte, wie nah ihm die Menschen und ihre täglichen kleinen wie größeren Sorgen stets gewesen sind.

Hermann Rudolph hat Klaus Schütz einen „Bürger unter Bürgern“ genannt.

Das war seine Art. Er hatte Ämter, er wurde geehrt, er war hoch respektiert  – aber in seinem Auftreten, seiner Auffassung zum Dienst, seinem Handeln stets nah denen, für die er stellvertretend Verantwortung, Aufgabe und Amt übernommen hatte.

Als Wahlkämpfer für Willy Brandt, als Abgeordneter, Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Regierender Bürgermeister, Botschafter und Intendant: Viele Facetten eines Mannes, der aus seinen Erlebnissen am Ende des Krieges eine Konsequenz gezogen hat: Sich einzumischen. Für die noch entstehende Demokratie, für sein Land und eine mutige, aktive Friedenspolitik, für seine Partei, der er schon 1946 beigetreten ist.

Ich bin froh, dass ich – aus anlass einer kleinen Feier zu seinem 85. Geburtstag – viele Erinnerungen an diese so unendlich reiche Biographie von ihm persönlich noch einmal  hören durfte.

In Deutschland hat Klaus Schütz einen guten Namen – den werden wir bewahren, uns seiner erinnern, seinem Vorbild folgen. Als einem Politiker aus Leidenschaft, der seine kluge Kraft an vielen Orten in den Dienst unseres Landes gestellt hat.

In den USA und vor allem in Israel hat der Mensch und Diplomat Klaus Schütz mit all seiner Kraft, mit Herz und Verstand geworben für Annerkennung und Respekt seines Heimatlandes, die restlos verloren waren. Diese Leistung ist nicht hoch genug zu schätzen. Noch heute profitieren wir davon.

Pathos war seine Sache nicht –darin hat Hermann Rudolph recht. Aber ich glaube, er würde es mit diesem seine, besonderen Lächeln entgegen nehmen, wenn er das hören könnte:

Unser Land verdankt Dir viel. Vor Deiner Leistung verneigen wir uns.