Kindheit

Ich bin ein Kind der Bundesrepublik. Ich wuchs auf, als die Nachkriegszeit zu Ende ging. Hatten unsere Eltern noch Not und Verzweiflung erlebt, konnten wir Kinder schon darauf vertrauen, dass der Tisch gedeckt war. Brakelsiek heißt der Ort, aus dem ich stamme. Er liegt in Lippe, am östlichen Rand Nordrhein-Westfalens. Es ist echte deutsche Provinz. Vom "Wirtschaftswunder" redete man nicht viel. Dazu kostete es zuviel Anstrengung, etwas aufzubauen. Wenn Du etwas haben willst, dann musst Du dafür arbeiten - das war mir früh klar. Die Menschen dort sind schnörkellos und aufrichtig. Wenn sie mich auf der Straße treffen, bin ich ganz selbstverständlich "der Frank", und niemand würde anders mit mir reden als früher.
Bei Kriegsende war meine Mutter fünfzehn. Einfach war es nicht für sie, die mit Schwester, deren Kindern und Mutter aus Breslau geflohen war. Sie war ja eine Städterin, fand sich unvermittelt in einer ländlichen Gegend wieder, um ihre Ausbildung, um ihre Träume betrogen. Über den Sport und den Frauengesangsverein fand sie einen Weg in die Gemeinschaft. Zur selben Zeit sang mein Vater im Männerchor. Da haben sie sich kennengelernt.

Landbauern und Handwerker

Mein Vater Walter kommt aus einer seit langem im Lippischen ansässigen Familie. Das waren seit Urzeiten Landbauern - mit den sprichwörtlichen paar Scheffeln Saat. Mein Vater hat dann Tischler gelernt. Allen im Ort war klar: Diese Männer können was. Ich staune noch heute, mit welcher Selbstverständlichkeit sie anpackten, um einen Sportplatz oder ein Vereinsheim zu bauen. Die Dorfgemeinschaft konnte auf die Talente der Handwerker zurückgreifen.

Libero beim TuS 08 Brakelsiek

An meine Kindheit habe ich gute Erinnerungen. Unser Haus lag gleich neben dem Fußballplatz - für uns Schuljungen natürlich das eigentliche Dorfzentrum. Zehn Jahre lang spielte ich jeden Sonntag für den TuS 08 Brakelsiek, anfangs in der Abwehr, dann als Libero, später im rechten Mittelfeld. Nicht der begnadete Filigrantechniker, dafür großes Kämpferherz und langen Atem, und ein solider Teamspieler - das bin ich heute noch.

Etwas bewegen

Politisches Engagement entsteht aus Neugier und Empörung. Ein Lehrer, der uns mit Armut und Unterentwicklung in Afrika bekanntmachte. Das empörte ebenso wie Betriebsschließungen und Entlassung in einer vom Wachstum der 70er Jahre ohnehin nicht begünstigten Region. Neugier auf Politik wurde geboren im Streit um Ostpolitik und Misstrauensvotum gegen Willy Brandt. Das Jugendzentrum, dass wir damals durchsetzten und für das wir der Gemeinde die Räume abtrotzten, gibt es heute noch. Aus heutiger Sicht keine große Sache, aus damaliger Sicht ein kleiner Sieg. Und zum ersten Mal wurde uns sehr bewusst: Man kann mit Engagement etwas bewegen!

Selbst bestimmen

Ich glaube, dass jedes Kind von seinen Eltern einen Auftrag mit auf den Weg erhält, der meistens unausgesprochen bleibt. Wer sich bildet, kann mit gestalten, der lässt sich nicht so leicht herumschubsen oder für dumm verkaufen. So hat meine Mutter das nie gesagt, aber sicherlich glaubte sie daran und hat es mir vermittelt. Ich sollte ein Leben führen, dass die bedrückende Ungewissheit hinter sich lässt. Ein Leben, in dem nicht mehr andere die Richtung bestimmen, sondern die eigene Urteilskraft. Ich sollte ein selbstbestimmtes Leben führen. Ein solches Leben ist nur durch Bildung möglich.

Auf dem Gymnasium

Als es darum ging, ob ich den Schritt aufs Gymnasium wagen sollte, kam meine Mutter aus der Elternsprechstunde und sagte mir: "Nun musst du es selbst wissen." Diejenigen meiner Klassenkameraden, die außer mir in Frage gekommen wären, würden nicht mitkommen.
Mir war mulmig, aber ich empfand das als unausgesprochene Ermutigung, ohne die ich wahrscheinlich den Mut nicht gefunden hätte, Ja zu sagen. Und ohne die sozialliberalen Reformen der frühen 70er Jahre, die auch Schülern wie mir die Bildungstüren öffnete, hätte wir es rein finanziell gar nicht geschafft. Diese Chance, mich weiterentwickeln zu können, habe ich immer als Glück erfahren.

Meine Zeit an der Uni

Ein Ort wie Brakelsiek mit seinen knapp 1000 Einwohnern wird einem Heranwachsenden bald eng. Ich erinnere mich an das Gefühl von Stillstand. Zweimal am Tag ging ein Bus, und dort, wo der hinfuhr, war auch nicht viel mehr los.

Ich wollte weg, musste nach dem Abitur jedoch zunächst zur Bundeswehr. Meine Freunde und die Freundin fehlten mir, aber über Wehrdienstverweigerung habe ich gar nicht nachgedacht, das war Anfang der 70er Jahre bei uns auf dem Lande noch nicht angekommen. Außerdem war ich nie ein Pazifist: Ich las immer viel, fraß Zeitungen geradezu, und ich ahnte, dass Frieden nicht ohne die Fähigkeit, sich zu verteidigen, erhalten werden konnte.
Während der Bundeswehrzeit musste ich mich für ein Studienfach entscheiden. Publizistik stand zur Debatte - ich wollte ja Journalist werden. Auch mit der Architektur habe ich geliebäugelt, mich dann aber am Ende für ein Fach entschieden, mit dem ich mich für die Zukunft am besten gerüstet fühlte: Jura bzw. Rechtswissenschaften, 1980 kamen noch die Politikwissenschaften dazu.
Über den Studienort entschied das Schicksal, das damals den Namen ZVS trug - Zentrale Vermittlungsstelle für Studienplätze. So kam ich nach Gießen.
Um mein BAföG und später mein Stipendium der Friedrich-Ebert-Stiftung aufzubessern, jobbte ich während der Semesterferien in einem Fahrzeugbetrieb, danach auch in einer großen Möbelfabrik, habe dort Tausende von Nussbaumschränken mit dem Barfach ausgestattet, das damals der letzte Schrei war.

Begegnungen und Freiräume

Nach dem Studium absolvierte ich mein Referendariat in Frankfurt, ging aber für Assistenzzeit und Promotion zurück an die Justus-Liebig-Universität in Gießen, der ich als Student, wissenschaftlicher Mitarbeiter, Assistent und Doktorand bis 1991 verbunden blieb. Es war eine Zeit der persönlichen und politischen Freiräume. Viele meiner Überzeugungen bildeten sich während meines Studiums; intensives Lesen und Diskutieren schärfte meinen Blick auf Politik und Gesellschaft. Ohne die Möglichkeiten und die Begegnungen in Gießen wäre ich nicht der, der ich heute bin.
1991 wurde ich zum Dr. jur promoviert. Meine Doktorarbeit trug den Titel: "Bürger ohne Obdach". Ich hatte vorher in der Rechtsberatung der Obdachlosenhilfe gearbeitet. Das ließ mir keine Ruhe. Wohnungslosigkeit wurde viel zu oft nur als polizeirechtliches Problem gesehen. Ich meinte, es muss vor allem als soziale Frage aufgegriffen werden.

Leben in der Wohngemeinschaft

Über 20 Jahre meines Lebens habe ich in Wohngemeinschaften verbracht. Am Anfang legten das vor allem Geldknappheit und der akute Wohnungsmangel nahe. Auch schien mir ein zwölf Quadratmeter kleines Zimmer im Studentenwohnheim wenig attraktiv. Also wohnte ich 14 Jahre lang in einer ehemaligen Zigarrenfabrik im Gießener Ortsteil Wieseck, Hinterhof, linke Haushälfte. Das war ein offenes Haus, sehr politisch: mit Lesegruppen und endlosen Diskussionsabenden.
Für einen wie mich, der vom Land kam, links orientiert und voller Neugier, war es genau richtig. Wir stellten allerdings schon die zweite WG-Generation und sahen vieles nüchterner. Auf die Idee von der WG als Keimzelle einer "revolutionären Ordnung" jenseits der Familie reagierten wir angesichts der Abwaschberge nur noch mit  ironischem Schulterzucken.