Die fünf Wirtschaftsweisen schreiben Kanzlerin Merkel einen blauen Brief. Sie verlangen ein höheres Reformtempo und bescheinigen der Bundesregierung damit indirekt, dass sie zu wenig tut, um den Aufschwung dauerhaft zu sichern. Die Wirtschaft hat sich nach der Finanz- und Wirtschaftskrise wieder gefangen. Die Wirtschaftsweisen sehen deshalb "Chancen für einen stabilen Aufschwung". Diese Formulierung zeigt aber, dass sie der Regierung nicht unbedingt zutrauen, die Chancen auch zu nutzen. Tatsächlich zieht die Regierung keine Lehren aus der Krise und vertraut darauf, dass der Markt alles regelt.
Dabei ist längst deutlich, dass wir keinen Aufschwung XXL erleben, von dem Wirtschaftsminister Brüderle, FDP, spricht. Im Gegenteil: Die Regierung muss Acht geben, dass der Aufschwung durch Tatenlosigkeit nicht gefährdet wird. Die starke wirtschaftliche Erholung verliert bereits wieder an Kraft, wie die Wirtschaftsweisen ausdrücklich feststellen. Ein Beleg dafür sind die Umsätze des Verarbeitenden Gewerbes, die im September so stark gesunken sind wie seit anderthalb Jahren nicht mehr. Die Regierung sieht diesem Trend weitgehend tatenlos zu - statt sich endlich zu steuerlichen Anreizen für Forschung und Entwicklung durchzuringen. Die Wirtschaftsweisen messen dieser steuerlichen Forschungsförderung "hohe Priorität" bei, um so die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen zu sichern. Als zweiten Pfeiler für eine stabile Aufwärtsentwicklung nennen die Wirtschaftsweisen die Belebung der Binnennachfrage. Dieser Pfeiler steht aber nicht auf festem Fundament. Die Regierung baut lediglich auf das Prinzip Hoffnung.
Das Jahresgutachten schreibt der Regierung ins Stammbuch, eine Bildungsoffensive zu starten, um endlich die Abhängigkeit des Bildungserfolgs vom Einkommen der Eltern zu durchbrechen. Die SPD ist sich mit den Wirtschaftsweisen einig: Nur durch kräftiges Anpacken können wir ein Abrutschen der deutschen Volkswirtschaft verhindern.