Rede von Carsten Träger MdB zur Reform des Lebensmittelbuches und der Lebensmittelbuch-Kommission

Deshalb gehe es in Deutschland heute beim Essen schon lange nicht mehr darum, einfach nur satt zu werden, sagt Carsten Träger, Sprecher der Arbeitsgruppe des Parlamentarischen Beirates für nachhaltige Entwicklung sowie stellv. Leiter des Projekts "#NeueLebensqualität - Morgen gut leben". Essen sei heute nicht einfach nur mehr Essen: "Essen ist Politik", so Träger.

Sehr geehrter Herr Präsident! Liebe Kolleginnen und Kollegen!

Sehr geehrte Damen und Herren!

Eigentlich debattieren wir heute über ein echtes Luxusproblem, über ein Problem des Luxus im wahrsten Sinne des Wortes.

(Beifall bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Wir haben den Luxus, dass wir nie ein größeres Angebot an ständig verfügbaren Lebensmitteln hatten. Nie hatten wir mehr Freiheit, genau das zu essen, worauf wir gerade Lust haben. Zu jeder Jahreszeit, tagtäglich und überall stehen wir einem reichhaltigen Angebot von Lebensmitteln gegenüber. Alles gut also? Leider nein.

Denn mit dem Übermaß wachsen auch die unerfreulichen Begleiterscheinungen: Umweltprobleme, Höfesterben, gesundheitliche Folgewirkungen.

Deshalb geht es in Deutschland heute beim Essen schon lange nicht mehr darum, einfach nur satt zu werden. Essen ist heute nicht einfach nur mehr Essen. Essen ist Politik. Essen ist Lifestyle, Mode, Gesinnung. Für manche ist Essen Religion. Da ist festzustellen: Immer mehr Menschen sind unzufrieden mit den Bedingungen, die ihren vermeintlich freien Kaufentscheidungen zugrunde liegen. Viele haben es längst satt. Unter diesem Motto werden wir auch an diesem Wochenende wieder Zehntausende sehen, die auf die Straße gehen und gegen die industrielle Landwirtschaft demonstrieren, vielleicht sogar Hunderttausende. Der Protest wächst und geht durch sämtliche gesellschaftliche Schichten. Lassen Sie uns diese Mahnrufe ernst nehmen. Lassen Sie uns etwas tun.

(Beifall des Abg. Oliver Krischer [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN])

Aber was? Ich bin nicht der Meinung, dass uns hier Vorschriften wirklich weiterhelfen. Es kann nicht darum gehen, den Menschen vorzuschreiben, was sie essen sollen.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Ich will nicht die Debatte, die wir schon geführt haben. Ich mag keine unnötigen Vorschriften, schon gar nicht bei einer solch grundlegenden Frage wie: Was will ich essen? Ich möchte, dass die Verbraucher selbst entscheiden. Dazu müssen wir ihnen die notwendigen Informationen an die Hand geben. Verbraucher haben einen Anspruch auf Wahrheit und Klarheit als Grundlage ihrer Kaufentscheidungen.

(Beifall bei der SPD sowie bei Abgeordneten der CDU/CSU)

Es muss bei den Lebensmitteln draufstehen, was drin ist, und es muss drin sein, was draufsteht.

(Ulli Nissen [SPD]: Und es muss deutlich zu lesen sein!)

Wenn sich die Verbraucher auf leicht lesbare Informationen auf den Produkten verlassen können, dann bin ich mir sicher, dass sie bei ihrem Einkauf in der Mehrheit Entscheidungen für gute Produkte aus nachhaltiger Produktion treffen.

(Beifall bei der SPD)

Kaum jemand wird Geflügelfleischprodukte kaufen, die hauptsächlich aus Schweinefleisch bestehen, oder Fruchtcremes, die keine Früchte enthalten.

Liebe Kolleginnen und Kollegen, das Deutsche Lebensmittelbuch leistet hier einen wertvollen Beitrag, und es könnte einen noch weitaus wertvolleren Beitrag leisten. Seine Leitsätze geben Orientierung, wie ein Produkt hergestellt ist und was es enthält. Wir brauchen dringend eine solche Institution mit hohem Sachverstand und mit hoher Glaubwürdigkeit.

(Nicole Maisch [BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN]: Wir haben diese Institution!)

Wir müssen dafür sorgen, dass es genau diese Institution mit hohem Sachverstand und hoher Glaubwürdigkeit auch gibt. Wir müssen dafür sorgen, dass die zentralen Informationen schneller bereitstehen. Wir leben im Zeitalter des globalisierten Handels. Der Einkauf im Netz erobert längst auch den Lebensmittelbereich. Da müssen die wichtigsten Informationen schneller bereitstehen, wesentlich schneller. Die Informationen müssen verständlicher aufbereitet werden als bisher. Hier gibt es berechtigte Kritik am Deutschen Lebensmittelbuch. Lassen Sie uns diese Kritik ernst nehmen und die Verfahren sowie die Kommunikation deutlich verbessern!

Herzlichen Dank.

(Beifall bei der SPD und der CDU/CSU)