'Fraktion kontrovers' mit Frank-Walter Steinmeier

Eine vielfältige Arbeitswelt, die Famile und Beruf fair zwischen Frauen und Männern verteilt und Familienarbeit wertschätzt, müsse auch von konkreten politischen Maßnahmen begleitet werden, darüber herrschte am Montagabend Einigkeit unter den Gästen von "Fraktion kontrovers".

„Wenn mir jemand sagt, seine Arbeit ist wichtiger als seine Familie, würde ich denjenigen nicht einstellen“, so brachte Anne-Marie Slaughter, ehemalige Beraterin von Hillary Clinton und Professorin in Princeton, die Notwendigkeit für kulturellen Wandel in der Arbeitswelt auf den Punkt. „Wir haben ein Problem damit Personen, die für andere sorgen, zu wertschätzen“, fuhr sie fort. Nur konkrete Erwerbsarbeit würde mit Achtung belohnt, kritisierte die Amerikanerin am Montagabend in einem Debattengespräch mit Ursula Schwarzenbart, Leiterin Global Diversity Office, Daimler AG, und dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Frank-Walter Steinmeier.

Die Professorin, selbst Mutter zweier Kinder, und die Diversity-Managerin eines internationalen Großunternehmens waren sich einig: die starren Strukturen der Arbeitswelt müssen weiter aufgebrochen werden – mit Engagement im Unternehmen, mit den Ideen und Wünschen der Mitarbeitenden und mit konkreter Gesetzgebung. Die angestoßenen Veränderungen in der Berufswelt vollziehen sich zu langsam. Vielfalt in Organisationen und echte Vereinbarkeit stellt sich nicht durch Warten auf den Wandel ein. Ursula Schwarzenbart beschrieb Maßnahmen, die in ihrem Unternehmen dabei den Weg weisen: Diversity-Awareness-Workshops für tausende Managerinnen und Manager zum Beispiel, Einstellungsgespräche, in denen immer Männer und Frauen zugegen sind, messbare Gleichstellungsfortschritte und Neureglungen für Erreichbarkeit nach Dienstschluss und im Urlaub. Schwarzenbart plädierte zudem für alternative Karrieremodelle, bei denen Arbeitnehmende auch Schritte zurückgehen könnten anstatt immer nur aufwärts, wenn sie es wünschten. Denn wie beide Frauen anmerkten, fällt der typische berufliche Aufstieg noch immer genau in die Phase, in der Menschen auch meist Kinder bekommen. Es müsse möglich sein auch im Alter von 40 oder 45 mit der Karriere zu beginnen, so Schwarzenbart. Slaughter merkte lachend an: „Die Frauen von heute werden locker 100 Jahre alt. Wenn ihre Karriere mit 60 vorbei ist, sitzen sie noch 40 Jahre herum.“

Anne-Marie Slaughter betonte die Rolle von Männern für die Fortschritte bei der Organisation von Familie und Beruf: „In der Regel braucht es immer noch zwei Menschen, um ein Baby zu bekommen. Für die Fürsorge um das Kind muss das Gleiche gelten: zwei Personen kümmern sich zu gleichen Teilen.“ Ursula Schwarzenbart sah in dieser Hinsicht einen Wandel in der Elterngeneration: die meisten jungen Männer in ihrem Unternehmen erkundigten sich heute gezielt nach Familienfreundlichkeit.

Die Publikumsfrage, dass Frauen auf Familie programmiert seien, wies Slaughter zurück: "Wir wissen nicht, was Frauen wählen würden,wenn wir ihnen nicht alle Möglichkeiten geben." Im Gespräch mit Frank-Walter Steinmeier sprachen die Gäste außerdem über feste Quoten für die Wirtschaft, den Ausbau von Kinderbetreuung, männlich geprägte Machtstrukturen und Karrierechancen für Menschen nach der ersten Familienphase. Dass der Jugendwahn in Organisationen nicht immer funktioniere, sehe man an den jungen Ministern der Koalition, ergänzte Steinmeier schmunzelnd. Die Arbeitswelt von morgen müsse unbedingt politisch begleitet werden, das Setzen auf kulturellen und gesellschaftlichen Wandel werde nicht ausreichen, so der Fraktionschef. Auch von den Tarifpartnern erwarte er hier eine aktive Rolle.

 

Die Veranstaltung in ganzer Länge können Sie auch als Video anschauen.

 

Autorin: Teresa Bücker