Beitrag von Carsten Schneider in der ZEIT

Wenn selbst im Osten Spitzenpositionen überwiegend von Westdeutschen besetzt werden, ist es kein Wunder, dass sich viele Ostdeutsche fremdbestimmt fühlen und in der Bundesrepublik nie richtig angekommen sind. Dennoch wäre eine Ost-Quote für Führungskräfte der falsche Weg.

In Ostdeutschland gibt es einen alten Witz: „Warum sind die Wessis 13 statt 12 Jahre zur Schule gegangen? Weil sie ein Jahr Schauspielunterricht hatten!“ Der Witz nimmt die angebliche Ellenbogenmentalität der Westdeutschen aufs Korn – in Abgrenzung zum Selbstbild der rechtschaffenen, bescheidenen Ostdeutschen. Und er bringt zum Ausdruck, dass viele „Ossis“ die westdeutsche Dominanz im Land ablehnen. Wenn selbst im Osten Spitzenpositionen überwiegend von Westdeutschen besetzt werden, ist es kein Wunder, dass sich viele Ostdeutsche fremdbestimmt fühlen und in der Bundesrepublik nie richtig angekommen sind.

Dennoch wäre eine Ost-Quote für Führungskräfte der falsche Weg. Denn wer will schon ein Quoten-Ossi sein? Hinzu kommt, dass die Quote kaum praktikabel wäre. Schon die Frage, wer als Ostdeutscher durchgeht und wer nicht, ist 27 Jahre nach der Wiedervereinigung oft nicht trennscharf zu beantworten. Nein, der Mangel an ostdeutschen Führungskräften lässt sich nur beheben, wenn beide Seiten ihre Einstellungen ändern: Wessis wie Ossis.

Gerade jetzt sind Dialog und Einfühlungsvermögen gefragt

Die Westdeutschen müssen überhaupt erst ein Problembewusstsein entwickeln. Trotz des schockierenden Wahlergebnisses der AfD gerade im Osten wollen viele von ihnen nicht wahrhaben, dass Ost und West sich politisch und kulturell gerade dramatisch auseinanderentwickeln – und dass dies nachvollziehbare Gründe hat. Auf die Provokation des Populismus reagieren sie mit dem erhobenen Zeigefinger und mit Vorwürfen. Aber das ist kontraproduktiv. Gerade jetzt sind Dialog und Einfühlungsvermögen gefragt.

Zugleich ist in den westdeutschen Führungsetagen mehr Offenheit vonnöten. Studien belegen, dass Eliten sich aus sich selbst heraus rekrutieren. Ähnlichkeiten im Lebenslauf, der Besuch derselben Privatschulen oder Universitäten – all das sind Faktoren, die Ostdeutsche meist nicht zu bieten haben. Hier ist mehr Mut bei Personalentscheidungen notwendig.

Derweil müssen die Ostdeutschen über ihren Schatten springen und Führungspositionen auch selbstbewusster beanspruchen. In der Wirtschaft, in den Medien, in der Wissenschaft – und in der Politik. Aus dem Bundestag weiß ich, dass das nicht einfach ist. Es geht dabei nicht nur um Posten. Wichtig ist auch, sich mit Nachdruck einzumischen und die eigenen Sichtweisen und Erfahrungen offensiv einzubringen. Viele ostdeutsche Politiker agieren eher zurückhaltend. Auch das muss sich ändern.

Im Idealfall entsteht so eine Aufwärtsdynamik: Je mehr Ostdeutsche „es“ schaffen, desto mehr Vorbilder existieren. Davon wird ganz Deutschland profitieren.