Copenhagen Diagnosis- Bericht
Der Wendepunkt des Klimawandels muss bald erreicht werden
Stand: 15.12.2009
In dem „Copenhagen Diagnosis”- Bericht vom 24. November 2009 kommen 26 Wissenschaftler, die meisten davon Autoren früherer Berichte des Weltklimarates IPCC, zu dem Schluss, dass der Klimawandel früher und stärker eintreten wird als noch vor wenigen Jahren vermutet.
Treibhausgas-Emissionen nehmen zu:
Im Jahr 2008 wurden rund 40 Prozent mehr Kohlendioxid aus fossilen Quellen freigesetzt als im Jahr 1990. Selbst wenn die Emissionen ab jetzt stabil blieben, würde schon innerhalb von 20 Jahren so viel CO2 ausgestoßen, dass dadurch die globale Erwärmung mit einer Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent 2 Grad Celsius überschreiten würde – selbst bei Nullemissionen ab 2030.
Aktuelle globale Temperaturen zeigen die von menschlichen Aktivitäten verursachte Erwärmung:
Während der vergangenen 25 Jahre sind die Temperaturen im Mittel um 0,19 Grad pro Jahrzehnt angestiegen. Das stimmt mit den Vorhersagen aufgrund der wachsenden Treibhausgas-Konzentration in der Atmosphäre überein. Natürliche, kurzzeitige Schwankungen treten wie immer weiterhin auf, am Erwärmungstrend sind jedoch keine signifikanten Veränderungen zu beobachten.
Eisschilde und Gebirgsgletscher schmelzen beschleunigt ab:
Satelliten- und direkte Messungen belegen eindeutig, dass sowohl der Grönländische als auch der Antarktische Eisschild immer rascher an Masse verlieren. Seit 1990 hat sich auch das Abschmelzen von Gletschern in anderen Regionen der Welt beschleunigt. Aktuell treiben große Eisabbrüche aus der Antarktis in australischen Gewässern herum.
Rapider Schwund des arktischen Meereises:
Das arktische Meereis schwindet im Sommer deutlich schneller als nach den Projektionen von Klimamodellen zu erwarten war. Die Eisausdehnung in den Sommern der Jahre 2007 bis 2009 war jeweils rund 40 Prozent kleiner als der Mittelwert der Simulationsrechnungen für den vierten Sachstandsbericht des Weltklimarats IPCC von 2007.
Derzeitiger Anstieg des Meeresspiegels unterschätzt:
Satellitenmessungen belegen, dass der Meeresspiegel in den letzten 15 Jahren um 3,4 Millimeter pro Jahr gestiegen ist. Das ist rund 80 Prozent schneller als in früheren IPCC-Projektionen. Diese Beschleunigung des Anstiegs ist konsistent mit einer Verdoppelung des Beitrags schmelzender Gebirgsgletscher sowie des Grönländischen und des Westantarktischen Eisschildes.
Überarbeitete Projektionen des Meeresspiegelanstiegs:
Bis zum Jahr 2100 wird der Meeresspiegel wahrscheinlich mindestens doppelt so stark steigen wie von der Arbeitsgruppe 1 des 4. IPCC-Berichts projiziert; bei unverminderten Treibhausgas-Emissionen könnte er um mehr als einen Meter steigen. Der Anstieg wird sich auch dann noch fortsetzen, wenn die globalen Temperaturen stabilisiert wurden.
Handlungsverzug riskiertSchäden, die nicht mehr korrigiert werden können:
Ungebremst fortschreitende Erwärmung könnte noch in diesem Jahrhundert abrupte odernicht mehr zu reparierende Veränderungen mehrerer empfindlicher Elemente des Klimasystems anstoßen (z. B. der kontinentalen Eisschilde, des Regenwaldes im Amazonasgebiet, des westafrikanischen Monsuns und anderen). Das Risiko, kritische Schwellenwerte („Kipp-Punkte“) zu überschreiten, wird bei ungebremstem Klimawandel im Verlauf dieses Jahrhunderts stark ansteigen. Auf größere wissenschaftliche Gewissheit zu warten, könnte zur Folge haben, dass solche kritischen Punkte überschritten werden, bevor man sie als solche erkannt hat.
Ab 2020 müssen die globalen Emissionen abnehmen:
Wenn die globale Erwärmung auf 2 ºC gegenüber vorindustriellen Werten begrenzt werden soll, müssen die globalen Emissionen zwischen 2015 und 2020 ihren Gipfel erreicht haben und anschließend rasch abnehmen. Um das Klima zu stabilisieren, muss die Dekarbonisierung der Gesellschaft – die Verringerung des Ausstoßes von Kohlendioxid und anderen langlebigen Treibhausgasen auf fast Null – deutlich vor Ende des Jahrhunderts erreicht werden. Die durchschnittlichen jährlichen Pro-Kopf-Emissionen müssen bis zum Jahr 2050 auf weit unter eine Tonne CO2 reduziert werden. Dieser Wert liegt 80 bis 95 Prozent unter den Pro-Kopf-Emissionen der Industriestaaten im Jahr 2000.
„Wir müssen den Wendepunkt bald erreichen“ – Aussagen der Wissenschaftler:
„Dies ist der letzte wissenschaftliche Aufruf an die Unterhändler von 192 Staaten, den Klimaschutz-Zug in Kopenhagen nicht zu verpassen. Sie müssen die ganze Wahrheit über die globale Erwärmung und die damit verbundenen nie dagewesenen Risiken kennen.“
Hans Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU)
„Der Meeresspiegel steigt rascher und das arktische Meereis schwindet deutlich schneller als erwartet. Leider zeigen uns diese Daten, dass wir die Klimakrise bislang unterschätzt haben.“
Stefan Rahmstorf, Professor für Physik der Ozeane und Abteilungsleiter des Forschungsbereichs Erdsystemanalyse am PIK
„Die Ozeane sind durch die Erwärmung und die gesteigerte Aufnahme von Kohlendioxid zunehmend gefährdet. Die Verluste an biologischer Vielfalt aufgrund der Wassererwärmung, der Versauerung und des auftretenden Sauerstoffmangels werden in Zukunft erheblich zur aktuellen Gefährdung durch Überfischung und Meeresverschmutzung beitragen.“
Martin Visbeck, Professor für Physikalische Ozeanographie und Stellvertretender Direktor des IFM-GEOMAR
„Die Kohlendioxid-Emissionen dürfen nicht weiter zunehmen, wenn die Menschheit das Risiko unbeherrschbarer Auswirkungen des Klimawandels begrenzen will. Wir müssen den Wendepunkt bald erreichen; die Aufgabe duldet keinen Aufschub. Wenn wir die Erwärmung auf zwei Grad Celsius begrenzen wollen, was sich viele Länder zum Ziel gesetzt haben, müssen die Emissionen ihr Maximum vor 2020 erreichen und anschließend schnell abnehmen.“
Richard Somerville, Professor Emeritus für Atmosphärenwissenschaften an der University of California, San Diego
„Unser Spielraum für ‘erlaubte Emissionen’, die unsere Klimazukunft nicht zu stark gefährden, ist so gut wie ausgeschöpft. Innerhalb nur eines Jahrzehnts müssen die globalen Emissionen beginnen abzunehmen. Angesichts des schnellen Wirtschaftswachstums in einigen Nationen brauchen wir dringend eine verbindliche Einigung, die sicherstellt, dass die großen Emittenten einmütig handeln.“
Matthew England, Direktor am Climate Change Research Centre der University of New South Wales, Australien